Schweiz

Genossen unter Eid

Wehrdienst zu leisten, ist auch für die meisten Juden eine Selbstverständlichkeit

11.03.2010 – von Peter BollagPeter Bollag


Es liege ihm, Leute zu führen, sagt der 31-jährige Leonardo Leupin aus Basel. Deshalb hat er nach seiner mehrmonatigen Dienstpflicht in der Schweizer Armee »weitergemacht«. Gemeint ist damit, im Dienstgrad aufzusteigen in einer der prestigeträchtigsten Armeen der Welt. Einer Truppe allerdings, die den Beweis ihrer Schlagkraft seit über 200 Jahren nicht mehr antreten musste.

Leonardo Leupin, der ein Soziologiestudium abgeschlossen hat, ficht Letzteres nicht wirklich an. Seine inzwischen bald 1.000 Diensttage waren ausgefüllt und anstrengend – auch ohne Ernstfall. Der Sanitätsoffizier kennt aus seiner Zeit beim Militär inzwischen fast alle Ecken der Schweiz – und hat mehr als einmal einen Schabbat oder einen Feiertag unfreiwillig in der Kaserne verbracht, einmal sogar ein Sukkotfest im eigenen Zelt.

pflichterfüllng Leonardo Leupin, in Südamerika aufgewachsen und als Jugendlicher in den Alpenstaat gekommen, ist nicht nur jüdisch, sondern auch orthodox. Ungeachtet mancher Probleme bei der Erfüllung der halachischen Gebote leistet er seinen Militärdienst ab. Das Judentum hat Leupin nie daran gehindert, seinen Pflichten als Soldat und später als Offizier nachzukommen. Auch wenn das etwa hieß: früher als alle anderen aufzustehen, um in aller Abgeschiedenheit die Gebete zu sprechen; auf den Besuch in der Kantine zu verzichten und von den eigenen koscheren Vorräten zu leben, sich also der sogenannten KKN-Diät zu unterziehen, wie er es selbst scherzhaft nennt: Koffein, Koscher-Kekse und Nikotin. Oder eben, den Schabbat in der Einsamkeit einer leeren Kaserne irgendwo im Land zu verbringen, wenn das »Abtreten« so spät kam, dass die Zeit vor Schabbat-Eingang nicht mehr reichte, um nach Hause zu fahren. Letzteres vielleicht auch, weil ein Vorgesetzter auf die entsprechende Bitte Leupins verständnislos oder sogar ablehnend reagierte.

»Ein Umstand, der mir allerdings nur selten passiert ist«, sagt Leupin. Denn im Allgemeinen sei er sehr fair behandelt worden. Und für den freien Schabbat habe er eben entsprechend oft den – bei den Kameraden unbeliebten – Sonntagsdienst verrichtet. »Manifester Antisemitismus ist im Kontext der Armee seit den 50er-Jahren eine Ausnahmeerscheinung«, bestätigt Rolf Stürm, Hauptmann außer Dienst und Verfasser einer Studie zum Thema.

Ähnlich sieht es auch Rolf Halonbrenner, der in der Geschäftsleitung des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes (SIG) für Religiöses und damit auch für die »jüdischen Wehrmänner« verantwortlich ist, wie die entsprechende Formulierung etwas martialisch heißt.

Seit der SIG ein Merkblatt ausgearbeitet habe, das allen Armee-Dienststellen zur Verfügung stehe, haben die jüdischen Soldaten kaum noch Probleme. Denn dort würden fast alle Fragen beantwortet. Wenig könne der SIG allerdings tun, wenn etwa ein jüdischer Soldat seinen Feiertagsurlaub zu spät einreiche.

Muslime Das Gesicht der Armee verändert sich stark – das allerdings weniger wegen der Handvoll jüdischer Rekruten, die jedes Jahr in Schweizer Kasernen ihren Dienst beginnen, als wegen der wachsenden Zahl muslimischer Soldaten. Das hat Konsequenzen, etwa bei den Ruhezeiten fürs Gebet. Bis in die Feldküche ist die jüdisch-muslimische Allianz allerdings noch nicht gedrungen, vor allem deshalb nicht, weil der Islam bei den Speisevorschriften weniger streng ist als die Halacha. Immerhin erhalten jüdisch-orthodoxe Soldaten einen Geldbetrag, damit sie sich selbst verpflegen können.

verteidigung Davon konnte Amy Bollag nur träumen: Der heute 85-Jährige leistete als junger Mann während des Zweiten Weltkriegs Militärdienst in der Schweizer Armee. Der gesetzestreue Jude musste sich ebenfalls selbst verpflegen – auf eigene Kosten. Für damalige jüdische Rekruten waren die Weltkriegsjahre eine überaus schwierige und quälende Zeit. Mit den Nachrichten von der Ermordung Verwandter und Freunde im Hinterkopf mussten sie zu einem Dienst antreten, der die Verteidigung des Landes gegen die mögliche braune Bedrohung vorsah, ungeachtet antisemitischer Anfeindungen innerhalb der eigenen Truppe. Dazu waren sie nicht selten mit Ausdrücken des militärischen Alltages konfrontiert, deren rassistische Herkunft offensichtlich war. So wurden Fleischkonserven – sie waren bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg gebräuchlich – inoffiziell nur »Gestampfter Jud« genannt.



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