Online

Netztreue Anarchisten

Ultraorthodoxe Internetnutzer widersetzen sich den Verboten ihrer Rabbiner

11.03.2010 – von Chajm GuskiChajm Guski


Respekt Auch die Zeitung »Hamodia« ging mit dem Angebot einiger Texte aus ihrer Printausgabe und mit Abo-Informationen online. Hamodia, wie auch andere charedische Medien, unterliegen in ihrer redaktionellen Gestaltung einigen Restriktionen. So wird man keine Fotografien von Frauen finden, oder Werbung, in denen für Produkte geworben wird, die nicht für die charedische Welt geeignet sind. Respekt für die Rabbiner wird vorausgesetzt.

Auch zahlreiche charedische Blogs sind im Netz. Und vor allem mobil zu nutzende Internetseiten hatten es der Zielgruppe angetan, also Seiten, die nicht für die Nutzung vom heimischen Computer, sondern über sogenannte Smartphones eingerichtet wurden. Und das, obwohl führende Rabbiner entschieden hatten, dass nur diejenigen Mobiltelefone »koscher« seien, mit denen ausschließlich telefoniert werden kann. Also keine SMS-Nachrichten und schon gar keine Internetnutzung per Handy. Kurz nach dieser Entscheidung erschienen »koschere« Handys auf dem Markt, die ausschließlich die Telefon-Grundfunktion erlaubten, und die auch eine Freigabe entsprechender Rabbiner vorzuweisen hatten.

Offenbar hielten sich nicht alle Mitglieder der charedischen Gemeinschaft an die Entscheidung der Rabbiner. Sie nutzten weiterhin fleißig ihre Smartphones und besuchten mobile Internetseiten.

Smartphone Ziel eines neuerlichen Verbots waren in erster Linie die charedischen Webseiten, darunter haredim.co.il, kikarhashabat.co.il und bhol.co.il (Bechadrej Charidim). Tatsächlich »offline« gegangen ist keine der Seiten. Haredim.co.il erklärte in einer Nachricht an die Leser, man werde sich den »Gedolej Israel« beugen und ihren Ratschlag befolgen. Tatsächlich werden seit Dezember 2009 die Inhalte nicht mehr aktualisiert. Sie sind jedoch weiterhin verfügbar. Ein Autor des charedischen Blogs yachdus.com wies kürzlich darauf hin, dass die Seiten für den mobilen Internetzugang weiterhin aktualisiert werden würden. Es sei nicht auf den ersten Blick sichtbar, doch sei der Dienst mit einem Smartphone zu nutzen.

Kikarhashabat.co.il zeigte sich vom rabbinischen Erlass recht unbeeindruckt und verbreitet weiterhin täglich, mit Ausnahme des Schabbats, die neuesten Nachrichten für die charedische Welt. Auch Videos sind im Angebot.

Eigendynamik Es scheint, als habe das Internet seine eigene Dynamik entwickelt. Der Einfluss der rabbinischen Lehrer schwindet, zumindest in der virtuellen Welt. So kann nur noch nachgebessert, aber nicht mehr verhindert werden. Trotz Verboten und Drohungen – auf Plakaten warnen ultaorthodoxe Gruppen zum Beispiel: »Internet erzeugt Krebs« – werden die Angebote nach wie vor intensiv genutzt. Was dabei besonders zu beanstanden gewesen sein dürfte, waren die Elemente, die heute als »user generated content« gelten und die Klickzahlen und damit die Attraktivität für Werbekunden erhöhen: Kommentare und Anmerkungen zu einzelnen Artikeln. und Themen Ein Blick auf kikarhashabat.co.il reicht aus, um zu sehen, welches Potenzial in den Nutzerkommentarensteckt. Denn gerade dieser Bereich wird von den Lesern auch dazu genutzt, Kritik an einzelnen Entscheidungen bestimmter Rabbiner zu üben.

Aufsicht Hier schufen die Nutzer einfach Fakten. Die rabbinischen Führer geben nach, sie beugen sich dem Willen ihrer Gemeinschaft. So wie »Etrog« nach der Verlautbarung der 21 jüdischen Geistlichen sofort in einer ausführlichen Nachricht an die Leser erklärte, dass Angebot einstellen zu wollen. Um dann kurze Zeit später wieder unter anderem Namen aber gleicher rabbinischer Aufsicht wieder ins Netz zurückzukehren.

Bei bhol.co.il war der Fall etwas anders. Die redaktionellen Leiter fühlten sich an die Verordnungen der Rabbiner gebunden und tatsächlich erschien seit 2009 kein neuer Artikel mehr. Guy Cohen, Vorstand der Firma Global Networks, die »Bechadrei Charedim« betreibt, kritisierte jedoch die Entscheidung der »Gedolej Israel« öffentlich und kündigte an, Rabbiner Moshe Karp, dessen Unterschrift neben anderen unter dem Bann der Internetseiten stand, zu verklagen. Cohen, er bezeichnet sich selbst nicht als religiös, sah das Unterfangen eher unter wirtschaftlichen Aspekten. Er ließ zwar seine Seiten online, jedoch war die regelrechte Flucht der Werbekunden ein erheblicher Schaden für das Geschäft. Dabei hatte er Anfang Januar als Kompromiss vorgeschlagen, die Seite unter die inhaltliche Kontrolle des Rabbiners zu stellen. Karp lehnte jedoch ab und erneuerte seine Forderung, die Seite vollständig zu schließen.

Filter Der Kampf ist nicht vorüber. Die rabbinische Führung versucht, ihre Position zu behaupten. Das zeigt eine neue Entscheidung, nach der jeder potenzielle Student einer Jeschiwa abgewiesen werden soll, wenn er daheim über einen Internetzugang verfügt. Nachbarn sind angewiesen, Verdachtsfälle zu melden. Entsprechende Aufrufe wurden in den strengreligiösen jüdischen Stadtvierteln Jerusalems ausgehängt.

Ähnlich in Bnei Brak: Ende Februar erneuerten in der charedisch geprägten Stadt bei Tel Aviv verschiedene Rabbiner ihre Kritik am Internet und forderten umfangreiche Schutzmaßnahmen. So sollen Internetfilter eingerichtet werden, die eine Nutzung nur im Bereich der beruflichen Tätigkeit zulassen.

Das Pendel schlägt also permanent zwischen vollkommener Ablehnung und Nutzung unter starken Einschränkungen hin und her. Nur sind viele charedische Nutzer davon derzeit offenbar unbeeindruckt. Sie gehen weiterhin ins Netz, und diskutieren ausführlich auch die Entscheidung der »Gedolej Israel«. Die Dynamik des Internets dürfte eine harte Probe für die charedische Welt sein.



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