Online

Netztreue Anarchisten

Ultraorthodoxe Internetnutzer widersetzen sich den Verboten ihrer Rabbiner

11.03.2010 – von Chajm GuskiChajm Guski


Das Internet sei ein »Ort voller Schmutz«. Aber auch hier gebe es nur »Haschem« und »keinen G’tt außer ihm«. Mit diesen sehr eindrücklichen Worten beschrieben die Verantwortlichen bei »Etrog« ihre Sicht des weltweiten Netzes. Nach einer rabbinischen Entscheidung verließ die charedische Seite Im Dezember vergangenen Jahres das Netz, kehrte im Februar allerdings wieder zurück, unter dem neuen Namen »tog«, aber mit der gleichen Botschaft: »Die Mission geht weiter«. Die Macher verstehen die Seite (www.tog.co.il) als eine Art Lichtstrahl inmitten der vielen schlechten und gottlosen Angebote dieser virtuellen Welt. Sie verbreitet weiterhin »reine, gefilterte und aufbereitete« Nachrichten für charedische Juden, und steht entsprechend unter strenger rabbinischer Aufsicht.

antwerpen Etwa 600.000 bis 800.000 Charedim, häufig auch als ultraorthodoxe Juden bezeichnet, leben derzeit allein in Israel. Dank des Kinderreichtums gibt es gute Perspektiven auf eine weiter wachsende Gemeinschaft. Auch in den USA nimmt die Zahl der Charedim zu, etwa im New Yorker Stadtteil Brooklyn oder in Kiryas Joel im Bundesstaat New York. Eines der europäischen Zentren ist Antwerpen. Geschätzt sind es 1,6 Millionen charedische Juden weltweit, eine nicht gerade kleine Gruppe innerhalb des Judentums.

Für Außenstehende präsentiert sich diese Strömung als einheitlicher Block. Tatsächlich aber sind die Charedim in viele kleine Gruppen aufgeteilt. Zum einen gibt es die Chassidim, die sich an die Weisungen ihrer Rabbiner halten, zum anderen gibt es die »Bnei Jeschiwa«, die sich nach der Lehrmeinung ihrer Jeschiwa und ihrer Lehrer richten. Den meisten Gruppen ist aber gemeinsam, dass sie auf eine strikte Trennung der charedischen Welt und der Welt außerhalb bestehen. Deshalb wird viel unternommen, um den Einfluss von außen möglichst gering zu halten. Lediglich Chabad Lubawitsch, die bekannteste Bewegung innerhalb der charedischen Gemeinschaft, versucht die Welt außerhalb zu erreichen und setzt dabei auch stark auf das Internet. Für nahezu alle anderen Gruppen dieses Spektrums der Orthodoxie gilt dies nicht. Sie betrachten das Internet – zumindest offiziell – so wie die Herausgeber von Etrog.

Gedolej Israel Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich im Dezember 2009 21 Rabbiner der charedischen Welt in einem Brief erneut gegen die Verwendung des Internets richteten. Ihr Schreiben war speziell an die Betreiber charedischer Seiten adressiert und indirekt auch an deren Nutzer. In dem Schreiben untersagten die »Gedolej Israel« (die Großen Israels) zum wiederholten Male die Nutzung des Internets. Und sie verboten explizit den Besuch und den Betrieb der Seiten, die sich an das charedische Publikum wandten. Auch jegliche Unterstützung entsprechender Seiten wurde untersagt, was sich in erster Linie auf die Werbekunden bezog. »Wir wissen schon seit langer Zeit von den Gefahren des Internets; all jene die es betreten, werden nicht zurückkehren«, hieß es etwa. »Viele jüdische Seelen sind bereits in seine Falle gegangen, in jeder Familie. Die private Nutzung des Internets wurde schon schärfs-
tens für jeden Haushalt untersagt. Aber zu dieser Zeit nehmen die ›charedischen‹ Internetseiten überhand. Sie bringen alle Arten von Klatsch und Tratsch gegen die charedische Gesellschaft an die Öffentlichkeit und verbreiten verbotenen Klatsch und üble Nachrede, Lügen und schlimme Unreinheiten über Abscheulichkeiten zu Tausenden und Zehntausenden.«

Dieser Brief fand schnell seinen Weg an die Öffentlichkeit – über das Internet. Genau die kritisierten Seiten waren es, die die rabbinische Veröffentlichung als erste verbreiteten. Bereits in der Verlautbarung der »Gedolej Israel« wurde jedoch ein Problem deutlich, vor dem die gesamte charedische Welt nach wie vor steht: die Bedeutung des Internets für die gesamte Gesellschaft und für die einzelnen Mitglieder.

Der erste große Bann des Internets erschien bereits vor zehn Jahren, später erlaubte man zumindest die Nutzung für berufliche Zwecke. Dennoch entstanden charedische Internetseiten, der Kreis der Nutzer wurde immer größer.



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