Schöpfung

Himmel und Erde

Wie bei der göttlichen Schöpfung sollen auch wir versuchen, beide Elemente in Einklang zu bringen

19.10.2006 – von Baruch RabinowitzBaruch Rabinowitz

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von Rabbiner Baruch Rabinowitz

Anfänge sind wichtig. „Am Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde“ („Bereschit bara Elohim ...“). Das ist der erste und für viele der bekannteste Satz der Bibel. Für jüdische Mystiker sind diese Worte eine Zusammenfassung der gesamten Tora und ein Wegweiser für das geistige Leben.
Der Wochenabschnitt Bereschit wird sofort nach den Hohen Feiertagen gelesen und ist mit ihnen eng verbunden. An Rosch Haschana vollendete Gott das Universum. An Jom Kippur versöhnte er sich mit der Welt, die er ins Leben rief. An Sukkot versicherte er seiner Schöpfung, daß seine Liebe unendlich ist und für immer bestehen bleibt. Wir fühlen uns erleichtert und von unseren Sünden gereinigt. Für uns fängt das Neue Jahr mit einem unbeschriebenen Blatt an, das wir im Laufe des Jahres hoffentlich vor allem mit positiven Erinnerungen füllen werden.
Das ist die Hauptbotschaft der ersten Worte der Bibel: Es gibt einen Anfang für das Universum. Und so gibt es auch einen Anfang für jedes Lebenskapitel. Um zu bestehen, brauchen wir gleichzeitig den Himmel und die Erde. Die Tora betont nicht umsonst, daß Gott beides gleichzeitig schuf. Himmel und Erde sind das Fundament und die Voraussetzung für ein erfolgreiches und gesundes geistiges Leben. An den Feiertagen haben wir die Möglichkeit, in den ursprünglichen Zustand unseres seelischen Universums zurückzukehren. Am Schabbat Bereschit fangen wir zusammen mit dem König der Welt den neuen schöpferischen Prozeß an.
So wie am Beginn der Schöpfung fängt auch in unserem seelischen Universum nicht alles mit einer spektakulären Offenbarung, einem magischen Licht oder himmlischen Zeichen an. Es beginnt vielmehr mit der Erde, aus der unser Körper erschaffen ist, und mit dem Himmel, aus dem unsere Seele stammt. Unser Ziel ist, diese beiden Elemente in unserem Leben mitein-
ander zu verbinden und in Einklang zu bringen. Wer kann dies sonst tun, wenn nicht der Mensch, der in sich bereits Himmel und Erde vereint?
„Und die Erde war öde und wüst“, heißt es dann gleich im zweiten Satz der Tora. Von Tohuwabohu ist da die Rede. Und auch diese Worte können wir auf unser Leben übertragen. Wir müssen fest auf dem Boden stehen, um das ursprüngliche, überall im Leben herrschende Chaos – das Tohuwabohu – in den seelischen „Garten Eden“ zu verwandeln. Trotzdem brauchen wir unsere geistigen Flügel, um nah am Himmel, der Quelle der Seele, zu bleiben. Die Tora erwähnt zu Beginn aber gleich noch etwas, außer Himmel, Erde und Chaos: den Geist oder Wind Gottes, „der über der Fläche der Wasser“ (Pnej Hamajim) schwebte. Dieser Geist kann auch uns beweglich und offen für neue Perspektiven, Ansichten und Möglichkeiten machen. Dieser Wind, wenn wir nicht statisch und in Dogmen verwurzelt bleiben, wird unser Lebensschiff zu neuen, unbekannten Ufern bringen.
Um den Himmel und die Erde – die dualistische Natur der Menschen – miteinander zu verbinden, brauchen wir Werkzeuge. Das Judentum bietet uns zahlreiche Rituale, die wir in unseren Alltag aufnehmen können. Sie werden uns helfen, diese spannende Aufgabe zu erfüllen. So sind die Gebete und die Meditation, auf Hebräisch „Hitbodedut“, unsere Insel, auf der wir neue Horizonte entdecken und zur Ruhe kommen können. Dabei können wir unsere Ziele überprüfen, Werte wählen, Gedanken sortieren und wichtige Entscheidungen treffen. Andere Rituale helfen uns, unsere Umgebung bewußt wahrzunehmen und mit der physischen und spirituellen Umwelt eine lebendige Verbindung herzustellen. So hilft zum Beispiel das „Netilat Jadaim“ – das rituelle Händewaschen – das Wasser als die zum Leben erweckende Kraft zu entdecken. Nach dem Schlaf, der im Judentum als eine Art Todeserfahrung angesehen wird, kommt man durch dieses Ritual sofort mit Wasser und damit auch mit dem Leben in Berührung. Das fließende Wasser ist ein mächtiges Symbol für die verändernde und dynamische Kraft.
Zahlreiche Brachot, Segenssprüche, machen uns auf Naturereignisse – zum Beispiel Blitze, Donner und Regenbogen – aufmerksam. Sie helfen uns, die Verbindung zwischen dem Physischen und Geistigen herzustellen, uns selbst und die uns umgebende Natur wahrzunehmen. Auch Feuer, Asche, Düfte, Kräuter, Steine, Leder, Farben, Klänge, Pflanzen und Tiere werden für die jüdischen Rituale verwandt und spielen dabei eine entscheidene Rolle. Man lernt ihre Kraft kennen, und ihre Wirkung im eigenen Leben positiv zu nutzen. Die Natur wird zu unserem vertrauten Freund.
Das Chaos wird langsam zum Garten Eden der Seele. Wir lernen, unsere Kräfte, Talente und Fähigkeiten zu entdecken, sie zu stärken und wachsen zu lassen. Wir lernen, unsere Schwächen in positive Triebe zu verwandeln. Unser Körper wird zum Tempel, der gepflegt und gesund gehalten werden muß. Schließlich lebt die Seele im Körper, in dem dadurch der Himmel die Erde berührt, und die Erde den Himmel.
Der Weg zu dieser mystischen Verwandlung, so lehrt das Judentum, liegt im Dualismus. Schon das erste Wort in der Tora weist darauf hin. Der Buchstabe „Bet“ bedeutet „zwei“ und das Wort „Reschit“ kann mit „Anfang“ übersetzt werden. So gab es von Anfang an zwei Kräfte – von Materie und Geist –, die miteinander nach einer Vereinigung suchen, einander bereichern, ohne dabei ihre eigenen Eigenschaften zu verlieren oder sie zu schwächen. Sie treffen sich in der Mitte, fordern sich gegenseitig auf, unterstützen einander und führen den Menschen zum ausgewogenen Leben.
Maimonides und andere große jüdische Lehrer haben diese Dynamik des religiösen Lebens entdeckt und verstanden. Das Judentum entwickelte sich als eine Religion, die nach Dualismus strebt und Extreme vermeidet. So wird nach dem jüdischen Verständnis grundsätzlich Hedo-
nismus und Askese abgelehnt. Es wird nach der Mitte gesucht, in der das Leben im gleichen Maß vom Geist und Körper geprägt und inspiriert wird.
Die Zeit der Jamim Noraim ist immer feierlich aber auch anstrengend. Der Schabbat Bereschit fällt auf den letzten Tag des Monats Tischri, dem der Monat der Stille, Cheschwan, folgt. Es ist die Zeit, in der wir uns mit unserem Chaos abfinden werden, den gleich starken Halt am Himmel sowie auf der Erde finden und die ersten Samen in unser Inneres einpflanzen, so daß unsere Seele sich mit der Zeit in den himmlischen Garten verwandelt.

1. Buch Moses 1, 1 –6, 8

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