Nachruf
Der scheue Kultautor
Zum Tod des Schriftstellers Jerome David Salinger
04.02.2010 – von Georg Patzer
familienszenen Jerome David Salinger schrieb derweil. Auf den Fänger im Roggen folgten seine Kurzgeschichten über die skurrile jüdische Familie Glass. In diesen fein ziselierten sensiblen Beschreibungen von Beziehungen verletzlicher Seelen geht es zu wie in Woody Allens Filmen: Neurosen und Geschwisterneid, Fürsorge bis zur Überbemutterung und intensiver Familienzusammenhalt. Die Eltern Les und Bessie sind ehemalige Vaudevilleschauspieler, die Kinder, Seymour, Franny, Zooey, Buddy, Walt, Waker und Boo Boo, waren alle einmal berühmte Kinderstars in der Radioshow »Das kluge Kind«. Kleine frühreife und vorlaute Genies mit einem beträchtlichen Hang zur Mystik. Vor allem Seymour, der in Salingers erster Story, Ein herrlicher Tag für Bananenfisch, einem kleinen Mädchen am Strand die deprimierende Geschichte des Bananenfischs erzählt, dann zurück ins Hotelzimmer geht, wo seine Frau, müde vom Gespräch mit ihrer Mutter, eingeschlafen ist, und sich erschießt: Es ist ihre Hochzeitsreise.
Die Glass’ sind Juden, das Jüdische spielt bei ihnen allerdings kaum eine Rolle. Die Kinder sind mehr am Zen-Buddhismus interessiert, oder an der christlichen Mystik, die Franny, entsetzt von der »Phonyness« ihres Verlobten, betend in einem Café zusammenbrechen lässt. Nur einmal wird der jüdische Hintergrund deutlich. In der Geschichte Unten beim Boot sucht »Boo Boo Tannenbaum, geborene Glass« ihren Sohn, der immer wieder davonrennt, ohne dass man weiß warum. Als sie ihn findet, erzählt er ihr, man habe ihn beschimpft: »Sandra hat zu Mrs. Snell gesagt – Papa ist ein großer schlampiger – kike.« (Kike ist ein amerikanisches Schimpfwort für Juden.) Und obwohl der Junge das Wort nicht verstanden hat – »Das ist so ein Ding, das in die Luft steigt« (kite: ein Flugdrache –): »Da war Boo Boo schon zusammengezuckt.«
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