Jubiläum

Utopia mit kleinen Fehlern

Wo der Sozialismus wirklich real war: Israels Kibbuzbewegung wird 100

04.02.2010 – von Christian BuckardChristian Buckard


Renaissance Und doch: Die Häme, mit der seit Jahren – auch hierzulande – triumphierend verkündet wird, das Kibbuz-Experiment sei endgültig gescheitert, ist unangebracht. Vom generationsübergreifenden Leben im Kollektiv, den Mühen der Ebenen mit ihren hohen Anforderungen an die soziale Intelligenz des Einzelnen, haben diese Schadenfrohen nicht die blasseste Ahnung. Die Kibbuzniks haben nicht nur den Aufbau des Staates Israel erst ermöglicht, sie haben in der Tat bewiesen, dass eine freie Form des Sozialismus möglich ist. Zugegeben: Von den rund 270 Kibbuzim, die heute noch existieren, sind einige bereits de facto aufgelöst. Andere haben ehemals kollektive Dienstleistungen privatisiert und im Speisesaal sogar die Bezahlung per Magnetkarte eingeführt. Aber es existieren immer noch Kibbuzim, in denen es keine unterschiedlichen Löhne gibt und wo sich die Gemeinschaft von der Wiege bis zur Bahre um ihre Mitglieder kümmert. Und es ist vielleicht kein Zufall, dass es ideologisch gefestigten Kollektiven – wie etwa dem Kibbuz Mishmar Ha-Emek – gelungen ist, ihren Mitgliedern eine Lebensqualität zu bieten, die man sich »draußen« nur als Millionär leisten kann. Deshalb kehren viele im Kibbuz geborene Israelis zwecks Familiengründung wieder zurück in die Kollektive.

Raketen Die Kibbuzbewegung erlebt eine kleine Renaissance. Rund tausend junge Idealisten der Noar Ha-Oved ve-Ha-Lomed, der »arbeitenden und lernenden Jugend«, sitzen in den Startlöchern, um überalterte Kibbuzim zu übernehmen oder neue zu gründen. Auch eine neue Form des Kollektivs ist entstanden, der Stadtkibbuz. So leben in Sderot bereits seit über zwanzig Jahren mehrere Familien im Kollektiv »Migvan« zusammen. Die Raketen der Hamas haben sie nicht vertreiben können. In Migvan ist nicht wie im klassischen Kibbuz der Einzelne für das Kollektiv da, im Stadtkibbuz hilft die Gemeinschaft dem Individuum bei seiner Selbstverwirklichung. Und dies auch dann, wenn es nicht profitabel für das Kollektiv ist. Nicht zuletzt gibt es die Oldtimer, die ihren Kibbuzim treu geblieben sind. Wie Miriam Uri, die rund 90 Jahre alt ist und jeden Tag auf ihren Rollator gestützt in den Kibbuz-Speisesaal geht (wo Ran inzwischen nicht mehr rauchen darf). Von ihr stammt die schönste Definition des frühen Kibbuz: »Wenn die Frau mit den größten Brüsten bei der Kleiderausgabe den kleinsten BH bekam.«



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