Porträt der Woche
»Mein Leben ist stressig«
Uli Ettinger geht in die 12. Klasse, besucht Uni-Seminare und arbeitet mit Jugendlichen
04.02.2010
Dienstags kann ich etwas länger schlafen, weil die Schule zwei Stunden später als gewöhnlich beginnt. Aber der Tag ist richtig voll, denn nach der Schule kommt gleich wieder die Uni, wo ich eine Übung zur Logik besuche. Den Kurs werde ich aber wahrscheinlich auch nicht zu Ende bringen. Am Anfang hat es noch Spaß gemacht, doch dann wurde es zu stressig.
philosophie Ich weiß noch nicht, ob ich nach der Schule wirklich Philosophie studieren möchte. Eher nicht. Psychologie könnte ich mir vorstellen. Aber der Beruf dann, das wäre kein Bereich, in dem ich gern arbeiten möchte. Ich habe einfach noch keine Ahnung, was mal kommen soll. Es wird schon was geben, das zu mir passt. Da mache ich mir keine Gedanken und kümmere mich erst mal um Sachen, die mir gefallen. Aber irgendwann muss ich auch mal Geld verdienen.
freiheit Meine Eltern fragen mich manchmal, was ich werden will. Doch sie drängen mich nicht zu einer Entscheidung. Ich habe viel Freiheit. Früher habe ich daran gedacht, Arzt zu werden wie meine Mutter. Aber ich glaube, dass da schnell eine gewisse Routine in den Arbeitsalltag einkehrt, und das möchte ich nicht. Ich werde mir etwas suchen, das mich tatsächlich interessiert.
Ich habe sogar mal darüber nachgedacht, nach Israel zu gehen. Im Urlaub war ich ein paar Mal dort. Wir haben da viele Verwandte mütterlicherseits, in Tel Aviv, in Jerusalem und auch im Norden. Die Möglichkeit, nach Israel zu gehen, gab es zu Beginn der elften und zwölften Klasse. Man kann dort Abitur machen. Die Konditionen waren gut, es gibt viel Unterstützung. Und nach der Schule bleibt man dann in Israel, um dem Land etwas zurückzugeben, Armee, Studium. Aber ich wollte nicht aus meinem Umfeld heraus. Ein Freund von mir ist gegangen, und er scheint auch zufrieden zu sein. Wegen meiner Familie und meiner Freunde habe ich es nicht getan.
Trotzdem sehe ich weder meine Freunde noch meine Familie besonders oft. Meine Woche geht mittwochs und donnerstags nämlich auch mit Uni und Schule weiter. Wenn mich jemand anruft und erzählt, dass sich ein paar Leute treffen, habe ich meistens keine Zeit. Und meine Familie sehe ich eigentlich nur abends. Oder wenn meine Mutter morgens in dieselbe Richtung muss wie ich, dann nimmt sie mich mit. Aber sie verstehen alle, dass ich viel zu tun habe und beschweren sich nicht. Ich habe zu Hause deshalb auch nicht viele Pflichten.
kibbuz Donnerstags treffen wir uns wieder im Jugendzentrum. Eigentlich haben wir da nur Besprechungen, aber einmal im Monat gibt es ein besonderes Programm. Da kommen dann Autoren oder Comedians, die eine Beziehung zum Jüdischen haben. Kürzlich hatten wir den jungen Publizisten Martin Schäuble zu Gast. Er hat über sein Buch Die Geschichte der Israelis und Palästinenser gesprochen. Allein durch solche Veranstaltungen denke ich oft an die Situation in Israel. Vielleicht ist es ja wirklich eine Option für mich, nach der Schule dorthin zu gehen. Meine Schwester war ein halbes Jahr in einem Kibbuz, das könnte ich mir auch vorstellen. Aber jetzt sollte ich mich erst mal um einen guten Abschluss bemühen.
Nach dem Unterricht am Freitag habe ich endlich Zeit für meine Freundin. Wir führen eine Fernbeziehung, sie lebt in der Nähe von Mannheim. Mal fahre ich zu ihr, mal kommt sie nach Düsseldorf. Das sind dreieinhalb Stunden Fahrt. Nach der anstrengenden Woche ruhen wir uns meistens aus, anstatt viel zu unternehmen. Wir verbringen die Zeit gemeinsam, schauen Filme oder gehen essen. Wenn man sich so selten sieht, ist man am Wochenende gar nicht so sehr an Partys interessiert. Meine Wochentage sind ja schon so vollgepackt!
Aber meine Freundin ist strebsamer als ich. Sie hat zum Beispiel schon längst ihren Führerschein. Ich habe mich zwar auch angemeldet, aber seitdem ist kaum etwas passiert. In letzter Zeit ist es eben nicht so gelaufen, wie ich es mir vorgestellt habe. Wahrscheinlich ist mein Leben einfach zu stressig. Aber ich hoffe, dass sich das einpendelt, wenn ich es passender für mich gestalte. Ich bereue es auch nicht, dass ich so viel zu tun habe. Wenn etwas nicht läuft, dann weiß ich ja, dass der Fehler bei mir liegt.
Aufgezeichnet von Zlatan Alihodzic
Anzeige
Meistgelesen im Ressort
Fotostrecken
Unser Blog aus Israel
Piraten
Jüdischer Staat
Wetter











