Geschenk
Masel Tov in Braunschweig
Das Ehepaar Taube hat eine neue Torarolle gestiftet – am Sonntag wurde sie eingebracht
04.02.2010 – von Heide Sobotka
Heine und Nachama Taube waren keine Rockefellers oder Rothschilds. Sie waren ein betagtes Ehepaar, das bescheiden lebte, keine Nachkommen hatte und sein Erbe mit dem Tod von Nachama Taube 2008 der Jüdischen Gemeinde Braunschweig vermacht hat. Ein Teil dieses Erbes sollte für das Schreiben und Einkleiden einer Torarolle verwandt werden, ein anderer für Jugendprojekte. »Ehrenvoller«, so Gemeinderabbiner Jonah Sievers bei der feierlichen Vollendung der neuen Torarolle am Sonntagnachmittag in der Braunschweiger Synagoge, könne die Umsetzung des Gebots: »Schreibe euch dieses Lied auf, und lehre es die Kinder Jisrael« (5. Buch Mose 31, 19) nicht geschehen.
Diesem Leben des Ehepaars, das im ursprünglichen Sinne jüdische Nächstenliebe verkörpere, setzte die Braunschweiger Gemeinde ein würdiges Denkmal mit der Vollendung der Tora durch Yaacov Goldmann. In einer riesigen schwarzen Tasche hatte der Sofer die Rolle aus Tel Aviv mit dem Flugzeug erst nach Berlin und dann mit der Bahn nach Braunschweig gebracht.
Mit einem weißen Tuch verhüllt, liegt sie nun im Eingangsbereich der Synagoge. Mehr als 150 Festgäste sind geladen, dem außergewöhnlichen Ereignis beizuwohnen. Vertreter der Stadt, der Kirchen, Gemeindemitglieder und Freunde sind gekommen. »Kaum jemand von uns hat so etwas schon einmal miterlebt«, stellt Gemeindevorsitzende Renate Wagner-Redding fest. Denn die bisherigen Braunschweiger Torarollen haben zwar jede für sich interessante Geschichten, eine ausdrücklich für die Gemeinde geschriebene ist jedoch nicht unter ihnen.
anfänge Als die Braunschweiger Juden im Oktober 1983 nach der Renovierung ihrer Synagoge das Haus in der Steinstraße wieder beziehen konnten und das Gemeindeleben wieder auffrischte, bekamen sie zwei alte Torarollen vom Landesverband der Jüdischen Gemeinden in Niedersachsen geschenkt. Auch die dritte, die sie mithilfe von Spenden erwerben konnten, war eine alte. Wie sich anhand von Schriftproben ermitteln ließ, war sie wohl in Polen geschrieben worden und Anfang des 20. Jahrhunderts von Polen, die nach Palästina einwanderten, mitgenommen worden. Bei ihrer Einbringung im Jahr 2000 mochte sie rund 90 Jahre alt gewesen sein.
Die jüngste Rolle wurde nun, eingerahmt von dem Gesang von Alina Treiger, der künftigen Rabbinerin in Oldenburg, von Yaacov Goldmann vollendet. Gespannt stehen die Zuschauer und die zum Mitschreiben Aufgerufenen um den Tisch des Schreibers. Jeder will zuschauen, wie der Sofer den Gänsefederkiel mit der Spezialtusche tränkt und vorsichtig die kleinen Buchstaben setzt, während nacheinander 30 verdiente Gemeindemitglieder symbolisch mitschreiben dürfen. Allzu Eifrige – von dem Glück mitwirken zu dürfen –, übermannt, nehmen das Schreiben wörtlich. Doch die Feder aufsetzen darf nur der Sofer. Zwischendurch bittet er deshalb, beim Mitwirken doch nicht zu fest zu drücken. Das Schreiben ist sichtlich Präzisionsarbeit, die die Festgäste mit fast angehaltenem Atem mitverfolgen.
Mitarbeiter Unter den Mitschreibern sind Gemeindemitglieder, die regelmäßig zum Gottesdienst kommen und an der Arbeit der Gemeinde mitwirken. Es sind dies auch die Vorsitzenden des Landesverbandes, Michael Fürst und Sara-Ruth Schumann. Zu ihnen gehören auch die Mutter der Gemeindevorsitzenden, Ruth Wagner-Redding, die eine Woche zuvor ihren 90. Geburtstag feiern konnte und lange Zeit in der Gemeinde und bei der WIZO aktiv war. Rabbiner Jonah Sievers reiht sich ein. Den Schlusspunkt darf nach liberalen Ritus Renate Wagner-Redding, die Gemeindevorsitzende, setzen. Bloß nicht zittern, mit Daumen und Zeigefinger berührt sie kaum den oberen Schaft des Kieles. Lang dauert es, bis das letzte Wort vollendet ist.
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