Anleger

Einer gegen die Bank

Ivar Buterfas hat durch die Lehman-Pleite viel Geld verloren – und es sich wiedergeholt. Jetzt soll er schweigen. Doch der 77-Jährige denkt gar nicht daran. Ein Hausbesuch

04.02.2010 – von Frank KeilFrank Keil


Als das Geldinstitut in Ivar Buterfas’ Leben tritt, ist er schwer krank, kämpft mit dem Krebs, gilt als austherapiert. »Da regelt man alles, was man regeln kann«, erwähnt er fast beiläufig. Ein Vertreter der Allianz kündigt sich an, und der will jemanden mitbringen, einen Kollegen. Doch der Kollege ist nicht von der Allianz, sondern von der Dresdner Bank: »Ich war plötzlich wieder hellwach und gesund, als ich das mitkriegte«, erzählt Buterfas. Er konfrontiert den Bankberater mit der Vergangenheit seines Auftraggebers zwischen 1933 und 1945, will von einem Geschäft nichts wissen. Doch sein Gegenüber lässt nicht locker und verweist darauf, dass die Dresdner Bank jetzt zur Allianz gehöre: »Ich erlahmte langsam – na, und dann machte ich einen Vorschlag: keine Aktien, kein Risiko. Das Geld wird konservativ angelegt! Und alles bitte schriftlich, in drei verständlichen Sätzen abgefasst.« Nach nur vier Tagen findet er die Unterlagen im Briefkasten vor. Es geht um 150.000 Euro.

Urknall Gut zehn Monate später sieht Ivar Buterfas im Fernsehen, wie eine Bank namens Lehman Brothers in New York ihre Büros räumt. Er ruft bei der Dresdner an, will mal hören, was da los ist. Und erfährt, dass er 64 Prozent seiner Einlagen verloren habe, die in Aktien stecken, rund 80.000 Euro. »Nee, Ihre Bank hat Geld verloren, meine Anlage ist dagegen konservativ, also sicher, hab’ ich schriftlich«, erklärt Buterfas dem Mann. Der stammelt etwas von einem Urknall, der die ganze Welt erfasst habe. Buterfas holt tief Luft: »Ich habe dem nur noch gesagt: Sie satteln jetzt Ihr schnellstes Dresdner Pferd, das bei Ihnen im Stall steht und galoppieren mit der Kohle hierher! Und dafür gebe ich Ihnen genau zweimal 24 Stunden. Den Weg kennen Sie ja.« Natürlich kommt der Reiter nicht. Buterfas nimmt sich einen Anwalt, viele Telefonate und Briefe folgen: Erst will ihm die Bank 50 Prozent des Verlustes erstatten, dann 70 Prozent, schließlich alles. Aber er soll unterschreiben, dass niemand davon erfährt. Mit einem solch anrüchigen Vorschlag ist die Bank bei Ivar Buterfas natürlich an der falschen Adresse. Er unterschreibt nicht und bekommt sein Geld dennoch komplett zurück.

Boni Vielleicht hätte der alte Herr nun alles auf sich beruhen lassen. Doch dann melden die Zeitungen, dass verschiedene Manager der Dresdner Bank trotz aller Verluste ihre Boni in Höhe von 250 Millionen Euro einklagen wollen. Und just in diesem Moment ruft erneut ein Vertreter des Geldinstituts an. Ivar Buterfas erinnert sich genau, stellt das Telefongespräch mit veränderten Stimmen nach: die des Managers leicht nuschelig, seine eigene zunächst ganz sachlich, später kraftvoll dröhnend: Ja, hier spricht die Dresdner Bank. Soundso vom Vorstand. Herr Buterfas, ist doch wunderbar gelaufen mit Ihrem Geld. Wunderbar gelaufen? Sie sind die größten Verbrecher, die es gibt! Einen todkranken Mann beschupsen wollen! Herr Buterfas, was sind Sie böse! Da habe ich dem erklärt, dass ich überhaupt nicht böse bin, aber dass in meinem kommenden Buch ein wunderbares Kapitel über seine Bank vorgesehen sei. Sagt der doch glatt: Ja, wie können wir denn Ihr Buch verhindern? Und ich: Sagen Sie, haben Sie einen Knall? Buterfas schüttelt den Kopf, fasst sich aber rasch wieder: »Um die Sache abzukürzen, habe ich ihm einen Vorschlag gemacht: Ihre Bank und ich, wir teilen uns die Boni!« Buterfas lacht ein kehliges Lachen und fährt sich übers Kinn: »Da war das Gespräch beendet.«

Musterklage Also macht er weiter. Dem Verein für Finanzgeschädigte stellt er alle seine Unterlagen zur Verfügung, das Buchmanuskript hat er juristisch prüfen lassen. Der Arbeitstitel: Ich lasse mich nicht zum Schweigen bringen. »Nächsten Mittwoch sitzen dort auf dem Sofa zwei Anwälte«, kündigt Buterfas an. Mit denen wird er eine Musterklage gegen den Bankberater vorbereiten, will ihn persönlich in Haftung nehmen lassen: »Ein Präzedenzfall. Ich will, dass die Banker endlich zur Vernunft kommen.«

Er steht auf, es geht in den ersten Stock, wo in einem Zimmer mit Rüschengardinen auf hellem Teppichboden ein Vitrinenschrank mit all seinen Preisen und Urkunden steht. Er bückt sich kurz, greift nach einem Kabel und knipst das Licht an. »Ich bin vermutlich der Privatmann mit den meisten Auszeichnungen.« Er tritt einen Schritt zurück, legt den Kopf zur Seite: »Aber das jetzt zu fotografieren, wäre ein bisschen protzig, oder?« Er knipst das Licht wieder aus.

Angezählt Dann geht Buterfas in den Keller, in die Bar. Ein beigefarbener Wandteppich hängt im Durchgang, darauf allerlei Zahlen und Daten: 30. Jubiläum seiner Firma für Bausanierung, 40 Jahre Ehe, 60 Jahre Ivar Buterfas, gestickt von Loki Schmidt, auch im Namen ihres Mannes selbstverständlich. Und dann die Wand mit den Fotos aus seiner Zeit als Boxpromoter. Ein Porträt von Max Schmeling, mit dem er befreundet war; der halbseidene René Weller mit seiner Fönfrisur; der junge Axel Schulz, noch mit Bubigesicht. Das Boxen, ja das sei eine tolle Zeit gewesen. Buterfas tritt einen Schritt zurück, blickt auf die Bilder; er, der auch selbst lange im Boxsport aktiv war: »Bin oft zu Boden gegangen, angezählt, manchmal fast ausgezählt – und bin doch immer wieder aufgestanden. Spätestens, wenn die Neun kam.« Er holt tief Luft, fährt sich wieder einmal durchs Haar: »Wenn ich die Dresdner Bank vor dem Kadi habe – da wird ganz Europa hinschauen. Aber hundertprozentig!« Das klingt nach einer Drohung. Und so ist es wohl auch gemeint.

Die Lebenserinnerungen »Sunny Goj« (1995) und »Mut ist nicht Leichtsinn« (2007) sind im Selbstverlag erschienen. Bestellmöglichkeit über www.ivar-buterfas.de



Anzeige

Lust auf mehr?

Gerne schicken wir Ihnen unverbindlich ein kostenfreies
Lese-Exemplar unserer aktuellen Ausgabe zu.

Fotostrecken

Unser Blog aus Israel

Piraten

Gefahr von Rechts – welchen Kurs steuert die Piratenpartei?

Radikale an Bord

Zum Dossier

Jüdischer Staat

Kulturkampf und Geschlechtertrennung in Israel – zum Dossier

Kulturkampf und Geschlechtertrennung

Zum Dossier

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Frühling
Berlin
4°C
regenschauer
Frankfurt
3°C
wolkig
Tel Aviv
18°C
heiter
New York
16°C
wolkig
Zitat der Woche
»Da sind all die Juden, die in Hollywood keinen Erfolg hatten!«
Marlene Dietrichs Meinung über die israelische Filmindustrie, kolportiert von der »Frankfurter Allgemeinen«