Anleger

Einer gegen die Bank

Ivar Buterfas hat durch die Lehman-Pleite viel Geld verloren – und es sich wiedergeholt. Jetzt soll er schweigen. Doch der 77-Jährige denkt gar nicht daran. Ein Hausbesuch

04.02.2010 – von Frank KeilFrank Keil


Der Mann ist ein Tausendsassa. Das sieht er selbst auch so. Ivar Buterfas sitzt auf einem braunen Sofa in seinem Haus bei Jesteburg in der Südheide. Und es sprudelt nur so aus ihm heraus: »Ich habe 463 Städte bereist und zwei Bücher geschrieben«, sagt er und fährt sich dabei durch sein immer noch dichtes Haar. »Manchmal habe ich in Sälen vor 2.000 Schülern gesprochen.« Das Bundesverdienstkreuz nennt der alte Herr sein Eigen, den Weltfriedenspreis auch. Mindestens 20 Millionen Euro Spenden hat er für das Mahnmal St. Nikolai in Hamburg eingeworben und geholfen, die Gedenkstätte des ehemaligen KZ-Auffanglagers Sandbostel aufzubauen. Ja, Ivar Buterfas ist umtriebig, hartnäckig. Nun aber möchte der 77-Jährige sich zur Ruhe setzen, eigentlich.

Ivar Buterfas wurde im Januar 1933 in Hamburg geboren. Sein Vater ist Jude, die Mutter Christin. Trotz aller Schikane und Gefahren bleibt sie bei ihrem Mann. Sie versteckt sich mit den acht Kindern zunächst in Polen, dann bis Kriegsende in Hamburg, während der Vater erst in Schutzhaft kommt und dann das KZ überlebt. Buterfas bleibt in der Hansestadt, auch wenn der von den Nazis zum Staatenlosen Erklärte bis 1961 alle drei Monate zur Ausländerbehörde muss, um sich die Aufenthaltserlaubnis in den Fremdenpass stempeln zu lassen: »Das war nach dem Judenstern die zweite Diskriminierung, die ich erfahren habe.«

aufklärer Was ihm hilft, all das zu überstehen, ist sein Wunsch, die Jugend aufzuklären. Über das, was in der Nazizeit und danach geschah. Zum Beispiel, wie der Standesbeamte von seiner künftigen Frau einen Ariernachweis verlangte, weil doch ihr Geburtsname »Frankenthal« so wenig deutsch klinge. Das alles ist nicht spurlos an ihm vorübergegangen. »Nachts kommen die Dämonen«, sagt er und senkt die Stimme. »Dann steht die Vergangenheit vor mir, schlimm ist das.« Neulich ist er drei Mal hintereinander nach Hamburg gefahren, zu dem Haus, in dem sie nach dem Einmarsch der Briten endlich in Frieden leben konnten: »Ich musste einfach sehen, ob das alles wirklich so war, wie ich es in Erinnerung hatte, die Freitreppe, die Haustür, die Fenster. Erst danach war ich wieder ruhig.« Buterfas überlegt, sich therapeutisch helfen zu lassen, so wie es ihm der Arzt geraten hat: »Ich muss das abbauen. Ich möchte mit meiner Frau ja noch ein paar schöne Dinge erleben.«

Aber eines soll vorher noch zu Ende geführt werden – sein Kampf mit der Dresdner Bank. Dabei wollte er mit dem Geldinstitut nie etwas zu tun haben. Wegen dessen NS-Vergangenheit, die eng mit seiner Familiengeschichte verknüpft ist: »Mein Großvater väterlicherseits hatte in Dresden eine Zigarettenfabrik. Die wurde 1936 von den Nazis arisiert; viel zu gering geschätzt auf 100.000 Reichsmark. Und von den 10.000 Reichsmark, die er erhalten hat, haben diese Verbrecher noch 4.000 Reichsmark Judenfluchtsteuer einbehalten. Und wer war bei diesen Sachen vornean? Die Dresdner Bank!«



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