Gedenktag

»Die Zehn Gebote müssen immer wieder neu gedruckt werden«

Staatspräsident Schimon Peres über die Schoa und einen Traum. Seine Bundestagsrede in Auszügen

28.01.2010 – von Schimon PeresSchimon Peres


Ich stehe heute vor Ihnen als Präsident des Staates Israel, der Heimstätte des jüdischen Volkes. Und während es mein Herz zerreißt, wenn ich an die Gräueltaten der Vergangenheit denke, blicken meine Augen in die gemeinsame Zukunft einer Welt von jungen Menschen, in der es keinen Platz für Hass gibt. Eine Welt, in der die Worte »Krieg« und »Antisemitismus« nicht mehr existieren.

In unserer jahrtausendealten jüdischen Tradition findet sich ein Gebet in aramäischer Sprache, das in Erinnerung an die Toten gesagt wird, im Andenken an Väter und Mütter, Söhne und Töchter, Brüder und Schwestern. Dieses weit über tausend Jahre alte jüdische Gebet konnten weder die Mütter sprechen, deren Säuglinge ihren Armen entrissen wurden, noch die Väter, die ihren Kindern einen letzten Blick zuwarfen, bevor sie in die Gaskammern gepfercht wurden, noch hörten es die Kinder, die im Krematorium in Rauch aufgingen. Es ist mir ein Bedürfnis, jetzt und hier die ersten Worte dieses Kaddisch-Gebets im Namen des jüdischen Volkes und zu Ehren und im Andenken an die sechs Millionen Juden, die zu Asche wurden, zu rezitieren: »Erhoben und geheiligt werde Sein großer Name in der Welt, die Er nach Seinem Willen erschaffen, und Sein Reich erstehe in eurem Leben und in euren Tagen und dem Leben des ganzen Hauses Israel, schnell und in naher Zeit. Sprechet: Amen. Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten.« Das Gebet endet mit den folgenden Worten, die im Staat Israel zum Symbol des jüdischen Traumes schlechthin geworden sind: »Der Frieden stiftet in seinen Himmelshöhen, stifte Frieden unter uns und ganz Israel. Sprechet: Amen.« (...)

asche Heute begehen wir den internationalen Gedenktag für die Opfer der Schoa. Genau heute vor 65 Jahren schien nach sechs Jahren Dunkelheit zum ersten Mal die Sonne. Die ersten Sonnenstrahlen legten das Ausmaß der Zerstörung, die mein Volk erlitten hatte, für alle bloß. An diesem Tag stieg der Rauch noch aus den Krematorien auf, und Blut und Asche bedeckten das Lager Auschwitz-Birkenau. Jetzt war es still auf dem Bahnsteig. Die »Selektionsrampe« war menschenleer. Im Tal des grauenhaften Mordes breitete sich trügerische Ruhe aus. Das Ohr nahm nur die Stille wahr, doch aus den Tiefen der vereisten Erde wurde ein Schrei hörbar, der das menschliche Herz zerriss und bis zum gleichgültig schweigenden Himmel aufstieg.

Der 27. Januar 1945 kam zu spät. Sechs Millionen Juden waren bereits nicht mehr unter den Lebenden. Dieser Tag symbolisiert nicht nur die Erinnerung an die Ermordeten, nicht nur das Schuldgefühl der Menschheit im Angesicht dieser nicht fassbaren Schreckenstaten, sondern auch die Tragödie des Versäumnisses. Dies ist unsere Lehre aus einer Zeit, als die in Flammen lodernde Welt derartig abgelenkt war, dass die Mordmaschine tagaus, tagein weiterarbeiten konnte, jahraus, jahrein ungestört. (…)



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