Neulich beim Kiddusch

Rosa Röllchen

Was einem in der Synagoge alles passieren kann

28.01.2010 – von Margalit BergerMargalit Berger


Lippenstift, Taschentücher, Kaugummi – mein Kiddusch-Survival-Kit ist fast fertig. Fast. »Hast du die Selleriestangen eingepackt, Schatz?«, brülle ich durch die Wohnung. »Und das Knäckebrot und meine Zellulose-Nuggets?« »Zellulose zum Essen?«, brüllt mein Mann zurück, »das kann nicht dein Ernst sein!«

Doch, das ist mein bitterer Ernst. Der Trick ist, sich bereits vor dem Kiddusch so mit Gemüse und anderem Grünzeug vollzustopfen, dass man den kalorienreichen Teilchen vom Buffet problemlos widerstehen kann. »Schaffst du es mit deinen Stilettoheels überhaupt bis zur Synagoge? Und bekommst du in dem engen Kostüm noch Luft?«, erkundigt sich mein Mann besorgt. »Klar«, keuche ich mit angehaltenem Atem und hervorquellenden Augen und stöckele mit zusammengebissenen Zähnen aus der Wohnungstür. »Ich muss dünn aussehen, denn Anouk wird da sein!«

Anouk ist meine beste Freundin. Meine beste Ex-Freundin, sollte ich wohl sagen, denn seit wir uns in dieselbe Weight-Watchers-Gruppe eingeschrieben haben, ist ein erbitterter Kalorien-Kleinkrieg entbrannt. Wir beide wollen rechtzeitig zur Bikini-Saison wieder in entsprechender Form sein. Aber im Moment hat Anouk einfach die besseren Karten, denn neben ihren ausladenden Formen verfügt sie auch über ein ausladendes Bankkonto. So hat sie einen hochpreisigen Fitness-Coach engagiert, einen Diät-Hypnose-Guru und ein ganzes Heer von Enährungsberatern, Vorkostern und Aufpassern, die ihr auf die Finger klopfen, wenn sie sich wieder mal mit Kanapees vollstopfen will.

Food-Coach »Was meinst du, wird sie wieder diesen schleimigen kleinen Franzosen zum Kiddusch mitbringen?«, fragt mich mein Mann auf dem Weg zur Synagoge. »Das ist kein Franzose, das ist Antoine, ihr Food-Coach«, erkläre ich. Und tatsächlich, als wir eintreffen, hat sich Antoine bereits vor dem Buffet positioniert und schaufelt Lachshäppchen und Artischockenherzen auf einen Teller. »Schon hungrig, Antoine?«, säusele ich. »Ceci ist eine Selection für Madame Anouk. Les Proteines, aber nisch ssuviel. Comprenez?«, säuselt er zurück, »et vous, Madame, immer noch dieselb Gewischt? Keine Gramme abgenomme seit die letzt Mal?« Bissiger, schnip- pischer, kleiner ... Mein Mann hält mich im letzten Moment zurück, damit ich Antoine nicht an die Gurgel gehe. Gerade noch rechtzeitig, denn da betritt Anouk den Plan, gefolgt von Latifa, ihrer Kalorien-Sklavin, die ein Fettanalysegerät und einen Kalorienrechner mit sich schleppt. »Latifa, Lachshäppchen!«, bellt Anouk, und Latifa tippt blitzschnell ein paar Zahlen in ihren Rechner, es folgt eine getuschelte Unterhaltung mit François, der die Häppchen auf einer silbernen Platte mit Petersilienbüscheln anrichtet und sie Anouk mit Grandezza kredenzt. »Fehlt nur noch, dass er sie füttert«, wispert mein Mann. »Schnell, meine Selleriestangen«, wispere ich zurück.



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