Genügsam

Frei von Gier

Warum nur ein zufriedener Mensch wahrhaft reich ist

28.01.2010 – von Rabbiner Jaron EngelmayerRabbiner Jaron Engelmayer


dankbarkeit Das »Man« erschien jeden Morgen und verschwand am Abend wieder, und wollte man sich davon gegen G’ttes Willen bis zum nächsten Tag aufsparen, so verfaulte es über Nacht. Jeden Morgen soll der Mensch von Neuem dafür dankbar sein, die Güte G’ttes empfangen zu dürfen, jeden Abend von Neuem darauf vertrauen, dass G’tt auch tags darauf für seine Nahrung und sonstigen Bedürfnisse vorsorgen wird.

Diese Funktion, uns täglich an die Ursache und Quelle der vermeintlichen Selbstverständlichkeiten zu erinnern, hat das Gebet übernommen. Rabbiner Chaim Sabbato fügt diesen Botschaften einen neuen Aspekt hinzu, der sich an den zweiten Punkt Rabbeinu Jeruchams anlehnt: »Wer ist ein Reicher? – Der mit seinem Anteil glücklich und zufrieden ist« (Sprüche der Väter 4,1).

glück Genügsamkeit ist wahrer Reichtum, Begierde die wirkliche Armut! Denn was die Mischna hier als wahren Reichtum definiert, ist das genaue Gegenteil der Begierde. Begierde ist der Drang, das zu besitzen, was einem nicht gehört. Kaum ist dieses Ziel jedoch erreicht, interessiert das soeben noch Begehrte nicht mehr, denn die Begierde hat bereits ein neues Ziel ins Auge gefasst, wiederum etwas, das dem Begehrenden noch nicht eigen ist. So kann sogar der in unserer Begriffswelt »Reiche« in Wirklichkeit zu den Ärmsten dieser Erde gehören, ständig auf der Jagd nach fremdem Besitz – Glück und Zufriedenheit wird er nicht erreichen.

Freut man sich aber über dasjenige, was G’tt einem zukommen lässt, und ist damit glücklich und zufrieden, dann zählt man zu den wahren Reichen. Diese Art von Reichtum oder Armut, bedingt durch die innere Einstellung, traten besonders beim »Man« zutage. So schildern unsere Weisen, dass im »Man« mit wenigen Ausnahmen alle kulinarischen Geschmacksrichtungen zu finden und zu schmecken waren, ganz nach Wunsch des jeweils Essenden (Talmud Joma 75a).

einheitsnahrung Dies traf aber nur auf diejenigen zu, die das »Man« dankbar und erfreut entgegennahmen und mit der g’ttlichen Gabe zufrieden waren – die wahren Reichen. Andere jedoch gelüstete es, sie sehnten sich ausgerechnet nach den Speisen Ägyptens zurück (4. Buch Moses 11,5) – welche Ironie! Sie waren von der Begierde nach anderem ergriffen und mit ihrem himmlischen Anteil nicht zufrieden. Für sie blieb das wunderbare »Man« eine eintönige, täglich wiederkehrende Einheitsnahrung (4. Buch Moses 11,6).

Jeden Monat beten wir am Schabbat vor dem Neumond um ein Leben, »schejimal’u misch’alot libejnu letova« – in dem sich »die Wünsche unseres Herzens zum Guten erfüllen mögen«. Darunter kann verstanden werden, dass sich unsere Herzenswünsche auf gute Art erfüllen mögen. Ein anderes Verständnis der Zuordnung würde aber einen anderen Sinn ergeben: Dass sich die Herzenswünsche, welche zum Guten gedacht sind, erfüllen mögen. Möge G’tt unseren Herzen stets nur gute Wünsche schicken und uns damit wahren Reichtum und wirkliche Zufriedenheit schenken!

Der Autor ist Rabbiner der Synagogen-Gemeinde Köln.



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