Genügsam

Frei von Gier

Warum nur ein zufriedener Mensch wahrhaft reich ist

28.01.2010 – von Rabbiner Jaron EngelmayerRabbiner Jaron Engelmayer


Langsam zeichnet sich der Weg aus der Krise ab. Optimistische Einschätzungen werden vorsichtig formuliert, denn noch sind wir nicht über den Berg. Und trotzdem ist zu erkennen, dass die gewonnenen Einsichten und Lehren zu den gegenwärtigen Wirtschaftsschwierigkeiten und deren Ursachen längst nicht bei allen angekommen sind. Schon ist wieder davon zu hören, wie Börsenmakler sich aufs Neue an die großen Gewinne heranwagen und die Situation vorteilhaft zu nutzen versuchen – für sich. Ein ausgewogener Umgang mit den eigenen Ressourcen, verbunden mit ethischen Einsichten und Rücksichtnahme, statt purem kapitalistischem Egoismus – das wären wünschenswerte Änderungen, die helfen könnten, ähnliche Krisen in Zukunft zu vermeiden.

Es geht um Erziehung und Wertevermittlung. Für uns Juden gibt es dafür eine verlässliche Quelle, die Jahrtausende alt ist und trotzdem nichts an Aktualität und Bedeutung eingebüßt hat: die Tora.

In unserem Wochenabschnitt lesen wir vom »Man«, dem himmlischen Brot, das unsere Vorväter während der 40-jährigen Wüstenwanderung begleitete und ernährte. Obwohl es sich beim »Man« um ein historisch einmaliges Phänomen handelt, können wir von dessen Beschreibung und Gesetzen so manche wertvolle Einsicht für die aktuelle Wirtschaftslage entnehmen. Das »Man« ist Brot mit geistiger Nahrung, das wichtige Grundlagen vermittelt. Rabbeinu Jerucham erklärt einige der Gedanken, die dem »legendären Brot« seinen ewig gültigen Hintergrund geben: »Und Er (G’tt) gab dir das Man zu essen, von dem du nichts wusstest und deine Väter nichts wussten, um dich zu der Erkenntnis zu bringen, dass nicht vom Brote allein der Mensch lebt, sondern durch alles, was aus dem Munde G’ttes hervorgeht, der Mensch lebt« (5. Buch Moses 8,3).

Vorsehung Trotz allen Aufwands und jeglicher Anstrengung, die der Mensch in die Beschaffung von Nahrung und Lebensunterhalt stecken muss, ist es letztendlich immer G’tt, der den Menschen ernährt und dafür sorgt, dass seine Bemühungen (normalerweise in gewohnt natürlichem Gange) Früchte tragen und belohnt werden. »Der allem Fleische Brot gibt, denn seine Gnade ist unbegrenzt« (Psalmen 136,25), »Wer sich (»Man«) anhäufte, hatte keinen Überschuss, und wer weniger einsammelte, dem fehlte nichts« (2. Buch Moses 16,18). Die Gierigen und Geizigen konnten sich noch so sehr den ganzen Tag bemühen, am Abend hatten sie trotzdem gleich viel »Man« wie derjenige, der nur wenig einsammelte und den Rest des Tages mit dem Studium der Tora verbrachte. Dies soll uns als deutliches Beispiel für die g’ttliche Vorsehung dienen, die auch heute immer wieder beweist, wie wenig Bestimmungskraft der Mensch über seinen finanziellen Status in Wirklichkeit hat, wie wenig er ihn beherrscht und im Griff hat.

Das übermäßige Verlangen nach Geld und Wohlstand bringt dem Menschen nicht viel, denn letztendlich bestimmt G’tt, wie viel dem Menschen zugedacht ist. Diese Einsicht lässt keinen Raum für jegliche Art von Eifersucht und Gier, und zwei von drei Dingen, die den Menschen von der Welt verdrängen (Sprüche der Väter 4,28), würden auf natürliche Weise verschwinden! »Keiner darf von ihm (dem »Man«) bis zum nächsten Morgen übrig lassen!« (2. Buch Moses 16,19).



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