Shoa
Blick ins Innere
Das Thema hat mich gewählt, sagt Yishay Garbasz. So folgte die Fotografin den Spuren ihrer Mutter. Es wurde eine lange Reise – auch zu sich selbst
28.01.2010 – von Björn Rosen
Sprachlos So wie ihre Verwandten 1933 vor den Nazis nach Holland flohen, fuhr auch Garbasz weiter nach Groningen und dann ins Durchgangslager Westerbork, nach Theresienstadt, Auschwitz und Christianstadt, um schließlich den Weg zu beschreiten, den ihre Mutter einst nach Bergen-Belsen nehmen musste, wo sie 1945 von der britischen Armee gerettet wurde. Die Bilder von der Route des Todesmarschs sind besonders verstörend. Auf den ersten Blick wirken sie unschuldig, zeigen verwunschene Landschaften und hübsche Städtchen. Umso erschütterter blickt der Betrachter ein zweites Mal auf sie, wenn er Sallas knappe Erinnerungen links daneben gelesen hat. Erinnerungen, über die Yishay Garbasz’ Mutter nie sprach.
»Der Holocaust war tabu«, sagt die Fotografin. Dabei hatten die Nazis auch die Familie des Vaters beinahe komplett ausgelöscht. Jack Garbasz, in Polen geboren, hatte nur überlebt, weil er als Kind ein australisches Visum bekam – und fühlte sich deshalb später schuldig. Also schwieg auch der Vater, und Yishay sowie ihre zwei Brüder fragen nicht nach – »ein geheimer Vertrag zwischen uns«. Doch der Holocaust war, gerade in seiner Abwesenheit, immer präsent, so wie auf vielen von Garbasz’ Bildern. Die Fotografin spricht von »posttraumatic memory« und davon, dass die Eltern ihre seelischen Wunden an die Kinder weitergegeben hätten. Unbewusst, ohne es zu wollen.
Therapie Nicht, dass diese Diagnose Garbasz’ gesamtes Leben erklären könnte. Aber doch einen guten Teil davon. Die Fotografin leidet an Dyslexie, tut sich deshalb mit Lesen und Schreiben schwer. Nachdem sie (damals noch ein Mann) an drei israelischen Universitäten gescheitert war, empfahl die Mutter eine Spezialschule in Vermont. Es ist das erste Mal, dass Yishay Ab- stand zum Elternhaus gewinnt. Während der Zeit in England gibt es fast keinen Kontakt mehr zur Mutter. Garbasz heiratet eine israelische Frau, hält sich mit schlecht bezahlten Jobs über Wasser. Die Scheidung bringt schließlich die Wende: Yishay ist finanziell abgebrannt und psychisch am Ende. »Ich wusste, ich habe ein Problem, aber ich wusste nicht welches.« Er sucht Halt in einem zen-buddhistischen Kloster in Upstate New York. Dort startet er eine Therapie, dort wagt er zum ersten Mal, den Lebensbericht der Mutter zu lesen, und dort kommt er auch in Kontakt mit Fotografie. Als er das Kloster nach zweieinhalb Jahren verlässt, schafft Garbasz es ohne Mühe auf eine renommierte Kunsthochschule. Fotografen-Legende Stephen Shore wird sein Mentor.
Von ihm habe sie gelernt, auf die Dinge zu blicken, so wie sie sind, sagt Yishay Garbasz. Manchmal lässt sie sich acht Stunden Zeit für ein Foto. »Man muss kein Drama machen, das Leben ist dramatisch genug.« Sie geht zur Pinnwand, zeigt auf ein Bild aus In My Mother’s Footsteps, das dort hängt. Darauf ist eine grüne Wiese zu sehen, nur ein schmaler Streifen Gras ist ein wenig anders gefärbt. »Dort war das Krematorium«, sagt sie. Im Buch steht neben dem Bild ein nüchterner Kommentar: »Dies ist einer der sechs Plätze, an denen die Asche meiner Großeltern verstreut sein könnte.«
2006 ließ Yishay Garbasz ihrer Mutter eine Vorab-Version von In My Mother’s Footsteps zukommen. »Danach haben wir telefoniert, und zum ersten Mal habe ich sie sprachlos erlebt.« Drei Wochen später stirbt Salla in einem Seniorenheim in Herzlija. Yishays Buch liegt auf dem Tisch in der Mitte des Raums. Alle sollten es sehen.
Heute, vier Jahre später, ist Yishay Garbasz ihrer Mutter vielleicht so nahe wie nie zuvor. Sie versteht besser, was in Salla vor- ging. Sie lebt jetzt als Frau. Von ihrer Wohnung bis zur Linienstraße, in die Salla nach ihrer Kindheit nie zurückkehren sollte, sind es nur ein paar Hundert Meter.
Weitere Informationen zum Fotoprojekt unter www.yishay.com
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