Schoa-Kunst
Gefallen am Grauen
Wo hört bei der Holocaust-Darstellung die Ästhetik auf und beginnt der Kitsch?
28.01.2010 – von Rüdiger Suchsland
Ein Selbstporträt mit Cola light zwischen Buchenwald-Insassen, eine Disney-Katze als Adolf Hitler, ein KZ aus Lego-Steinen, und ein Giftgas-Set von Chanel – das waren die provokativen Höhepunkte der Ausstellung Mirroring Evil, die im Frühjahr 2002 im Jewish Museum von New York eröffnet wurde und für monatelange Debatten sorgte: »Pervers«, »obszön«, »frivol« lauteten einige Vorwürfe. Den beteiligten Künstlern der zweiten und dritten Generation wurde mangelnder Respekt vor den Erfahrungen der Überlebenden vorgeworfen. Und es wurde die grundsätzliche Frage gestellt, ob es eigentlich überhaupt noch irgendwelche Tabus gebe und geben könne bei der Darstellung und beim Spiel mit der Darstellung der Schoa. Dabei waren manche der in New York ausgestellten Werke schon über zehn Jahre alt. Wirklich neu und verstörend war vor allem ihre Zusammenstellung. Der Tabubruch schien primär in der generellen Banalisierung – oder gar »Desakralisierung« – zu liegen, in der Kombination aus beispiellosem Schrecken und Labeln des Massenkonsums. Dabei war genau dies womöglich der intelligenteste Aspekt des Ganzen, steht doch die Chiffre »Auschwitz« eben nicht allein für Genozid, sondern für dessen Industrialisie- rung, für die Paarung von Massenmord und instrumenteller Vernunft.
holo-kitsch Die New Yorker Ausstellung beleuchtete aber noch ein weiteres prinzipielles Problem – das der Ästhetik. Etwas, das provoziert, muss deshalb noch lange keine gute Kunst sein. Naiv wäre auch die Annahme, eine Darstellung wachse automatisch mit ihrem Gegenstand künstlerisch. Warum sollten Kunst und Kunsthandwerk nur deshalb besser und ge schmacklich weniger fragwürdig sein als sonst, bloß weil sie die Schoa zum Gegenstand haben? Art Spiegelman, dessen Graphic Novel Maus bei ihrem Erscheinen Anfang der 7oer-Jahre selbst für heftige Debatten gesorgt hatte, war es, der den Begriff »Holo-Kitsch« prägte. Auslöser war seinerzeit Bernhard Schlinks Roman Der Vorleser, der es in seiner Mischung aus Sex und Nazi-Crime 1995 als erstes deutsches Buch auf Platz 1 der Bestsellerliste der New York Times geschafft hatte. Kitschigkeit attestierte Ruth Klüger auch den 1995 erschienen angeblichen KZ-Erinnerungen des Benjamin Wilkomirski. »Kitsch ist immer plausibel« schrieb sie. »Man mache die Probe aufs Exempel: Eine Stelle, die vielleicht gerade in ihren naiven Direktheit erschütternd wirkt, wenn man sie als Ausdruck erlebten Leidens liest, und die sich dann als Lüge erweist, verkommt in der Darstellung erfundenen Leidens zum Kitsch. Es ist ja ein Merkmal des Kitsches, dass er plausibel ist, allzu plausibel, und dass man ihn nur dann ablehnt, wenn man seine Pseudo-Plausibilität erkennt.«
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