Leipzig
Erinnerung per Mausklick
Die Stadt schaltet am Holocausttag im Internet ihr Gedenk- und Totenbuch frei
28.01.2010 – von Teresa Stelzer
»Vor dem Krieg lebten in Leipzig 12.000 Juden. Seitdem ich erkannt habe, was für eine große Rolle sie einmal gespielt haben, möchte ich wenigstens für die Erinnerung sorgen«, so Ellen Bertrams Motivation. In ihrem Buch Menschen ohne Grabstein hat sie Spuren von 1.000 deportierten und ermordeten Leipziger Juden verfolgt. Aktuell rekonstruiert sie Lebenswege der damals bereits emigrierten 1.300 Leipziger Juden.
Hinterbliebene Ellen Bertram begegnen viele leidvolle Geschichten. Mittlerweile weiß sie: »Diese Arbeit kann man nur machen, wenn man sie von seinen Emotionen trennen kann.« Bei ihren Recherchen greift sie beispielsweise auf das deutsche Bundesarchiv oder auf die Datenbank der Gedenk und Forschungsstätte Yad Vashem in Jerusalem zurück. Sie und ihre Kollegen müssen ständig Informationen abgleichen, die sie aus Zeugnissen von Angehörigen der Opfer, Dokumenten oder Deportationslisten gewinnen. »Datenbanken gibt es viele, aber darin die Leipziger zu finden, macht Mühe«, erklärt sie. »Beeindruckend ist immer wieder die Zusammenarbeit mit Hinterbliebenen von Opfern weit über Deutschland hinaus bis nach Israel und Australien«, ergänzt Günter Schmidt. Die Informationen müssen per Hand in das elektronische Gedenkbuch eingepflegt werden. Die Stadt Leipzig hat zwei kurzzeitig Beschäftigte eingestellt und das Computerprogramm finanziert. Alle Mitglieder der Arbeitsgruppe wirken ehrenamtlich. Ellen Bertram wünscht sich mehr Unterstützung. »An diesem Tag werden überall Sonntagsreden gehalten, aber die eigentliche Arbeit machen wir«, meint sie mit Blick auf den Gedenktag.
Die Übergabe des Gedenkbuches in Leipzig ist nur eine von vielen Veranstaltungen zum 27. Januar. Viele Orte erinnern an ihre Opfer, indem Gemeinden, Vereine und Organisationen die Feierlichkeiten häufig gemeinsam ausrichten. Ein politisch guter Ton scheint obligatorisch, immerhin bekommen die Opfer ihre Namen zurück, und Erinnerungen werden konkret.
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