Porträt der Woche

»Nachts kommen die Gedanken«

Tatiana Muchnik hat ein großes Problem: ihre Schlaflosigkeit

28.01.2010 – von Annette WollenhauptAnnette Wollenhaupt


Ich weiß noch, wie es war, als wir alle am Frankfurter Flughafen ankamen. Wir wollten immer weg aus der Sowjetunion, aber für mich persönlich war die Ankunft sehr problematisch. Dass wir nach Deutschland gegangen sind, lag vor allem an der Sprache. Mein Vater entstammt einer sehr gebildeten Familie, in der Deutsch und Hebräisch gesprochen wurde. Dennoch war die erste Zeit hier sehr schwer für mich. Nach fünf Jahren kehrte ich zum ersten Mal nach Moskau zurück. Alle sprachen Russisch, das war wunderbar. Man muss sich nicht mögen, um sich etwas zu sagen, es war wie Luft zum Atmen.

grundsicherung Hier in Frankfurt wohnen wir in einer großen Altenwohnanlage der Arbeiterwohlfahrt. Sie besteht aus mehreren Hochhäusern. Jeder zweite von uns Bewohnern kommt aus der ehemaligen Sowjetunion. Wir haben alle nur wenig Geld, bekommen Grundsicherung. Wir sind alte Menschen mit allen Krankheiten und Sorgen, die dazugehören. Doch wir sind zufrieden, es geht uns hier besser als in Russland.

Ich gebe Deutschunterricht, sowohl in der jüdischen Gemeinde als auch in der Altenbegegnungsstätte der AWO. Mittlerweile fällt mir das schwer. Ich bin eben alt, und jedes Mal ein paar Stunden am Stück zu unterrichten, ist sehr anstrengend für mich. Außerdem bin ich eine Frau und muss deshalb bügeln, Essen zubereiten, eben den Haushalt versorgen. Und weil mein Mann fast gar nicht Deutsch spricht – er ist zu faul zum Lernen –, bleiben auch alle Behördengänge an mir hängen. Ein großes Problem ist meine Schlaflosigkeit. Nachts kommen all die Gedanken in den Kopf, und es sind keine lustigen. Es gibt Leute, die erinnern sich nur an die guten Dinge ihres Lebens, bei mir ist es umgekehrt.

Mein Schwager lebt im Jüdischen Altenzentrum, ich besuche ihn zweimal in der Woche, am Samstag und Mittwoch. Ich bringe ihm Früchte mit, Hering oder Lachs und etwas Süßes. Das ist schlimm, weil er Diabetiker ist, aber er freut sich so. Dass es hier in Deutschland Pflegeheime gibt, ist für uns eine Rettung. Die alten Menschen werden betreut und gut beköstigt. Ich habe einmal ein Altenheim in Russland besucht – schrecklich! Kein Vergleich. Trotzdem: Wenn ich von so einem Besuch im Altersheim nach Hause zurückkomme, fühle ich mich immer wie krank. Ich denke dann, jetzt wirst du auch bald an der Reihe sein.

Gestern haben uns meine Tochter und ihr Enkel besucht. Mein Schwiegersohn ist in Moskau geblieben. Er ist Regisseur am Moskauer Staatstheater und inszeniert gerade ein Stück von Friedrich Dürrenmatt. Es ist eine schwierige Situation: Jedes Jahr ist mein Schwiegersohn nur drei bis vier Monate in Deutschland. Leider kann er kein Deutsch. Und ein Regisseur ohne Sprache, das geht eben nicht. Außerdem hat er einen 40 Jahre alten Sohn aus erster Ehe, der an Multipler Sklerose leidet und in Moskau lebt. Mein Enkel vermisst seinen Vater. Bevor er gestern zu uns kam, war er im Fitnessstudio. Er sagte zu mir: »Ich bin sehr hungrig, bitte gebt mir was zu essen.« Danach spielte er mit seinem Opa Schach.

heimat Meine Tochter spricht perfekt Deutsch und hat sehr viele deutsche Freunde. Mein Mann und ich, wir interessieren uns für alles, was in Russland passiert, verfolgen alle wichtigen politischen Sender unserer ehemaligen Heimat. Meine Tochter lacht nur darüber, wenn wir wieder anfangen, über Russland zu reden.

Ich lese sehr gern. Heine, Goethe, aber auch Böll und Feuchtwanger. Ich habe einen Ausweis für die Stadtbücherei, gehe jeden Monat hin und hole mir neue Bücher. Zur Zeit mag ich vor allem historische Romane. Die sind spannend und gleichzeitig eine gute Quelle für geschichtliches Wissen. Die glücklichste Zeit ist für mich die Zeit vor dem Schlafengehen. Dann lese ich im Bett, mein Mann schaut Fernsehen. Nach der Lektüre google ich manchmal ein bisschen. Das Leben von Heinrich II. fand ich besonders interessant. Jetzt bin ich so gut informiert, dass ich seine Geschichte erzählen kann. So etwas ist ganz wunderbar.

Wir haben auch schon viele schöne Ausflüge gemacht. In wenigen Tagen bietet die AWO eine Fahrt zur Monet-Ausstellung nach Wuppertal an. Mein Mann wird die Gruppe auf Russisch in das Thema einführen. Und ich bin bei solchen Fahrten dann immer für die Übersetzung ins Deutsche zuständig. Aber ich lese den Text nicht selbst vor, das macht der Leiter des Seniorentreffs. Ich finde, meine Aussprache ist nicht gut genug.

Vor zwei Wochen haben wir in der Altenwohnanlage das neue russische Jahr gefeiert. Es kamen auch viele deutsche Bewohner. Wir haben gesungen, getanzt, gegessen und getrunken. Früher haben wir Frauen russisch gekocht. Aber weil das für uns mittlerweile zu anstrengend ist, gab es jetzt einfach nur Wurst, Käse, Salate. Und ein bisschen Wodka. Ein russisches Fest ohne Wodka geht nicht.

Aufgezeichnet von Annette Wollenhaupt



Anzeige

Lust auf mehr?

Gerne schicken wir Ihnen unverbindlich ein kostenfreies
Lese-Exemplar unserer aktuellen Ausgabe zu.

Fotostrecken

Unser Blog aus Israel

Piraten

Gefahr von Rechts – welchen Kurs steuert die Piratenpartei?

Radikale an Bord

Zum Dossier

Jüdischer Staat

Kulturkampf und Geschlechtertrennung in Israel – zum Dossier

Kulturkampf und Geschlechtertrennung

Zum Dossier

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Frühling
Berlin
4°C
regenschauer
Frankfurt
3°C
wolkig
Tel Aviv
18°C
heiter
New York
16°C
wolkig
Zitat der Woche
»Da sind all die Juden, die in Hollywood keinen Erfolg hatten!«
Marlene Dietrichs Meinung über die israelische Filmindustrie, kolportiert von der »Frankfurter Allgemeinen«