Staatsbesuch
»Wir sind ein Volk«
Schimon Peres’ erster Termin führte ihn in die Gemeinde
28.01.2010 – von Igal Avidan
und Katrin Richter
Schimon Peres gewann schnell die Herzen des Publikums. Im Gegensatz zu seinem Vor-Vorgänger Ezer Weizman (1996) vertrat er nicht die Meinung, dass man als Jude in Deutschland nicht leben könne. Besonders viel Anklang fand seine neue Definition der uralten Frage ›Wer ist jüdisch?‹: »Früher sagte man, Jude sei derjenige, der von einer jüdischen Mutter stammt. Heute würde ich sagen: Wer dafür sorgt, dass seine Kinder jüdisch bleiben, ist Jude.« In seiner Rede zählte er Israels Errungenschaften, seine demokratischen Werte auf und betonte das Streben nach Frieden. Peres drückte seine Erwartung aus, dass das jüdische Volk moralisch bleibe und zugleich technologisch an vorderster Front stehe. Außerdem pries er die grundsätzliche jüdische Unzufriedenheit als eine erstaunliche Kreativitätskraft.
Der Präsident betonte, dass der Antisemitismus ein Problem der Nichtjuden, nicht der Juden sei. »Das deutsche Volk hat gelernt, dass der Antisemitismus den Beginn seines moralischen Abstiegs darstelle und es bleibt daher wachsam, auch für seine eigene Zukunft.« Er erinnerte daran, dass Deutschland Israels bester Partner in Europa sei und die Zusammenarbeit beider Regierungen aus tiefen historischen und moralischen Quellen schöpfe.
Reaktionen Als die letzten Worte gesprochen waren, konnten einige im Saal gar nicht so schnell ihre Kopfhörer von den Ohren nehmen, wie sie Beifall spenden wollten. Charlotte Knobloch war mit dem zufrieden, was Peres nicht gesagt hatte: »Er hat nicht darüber gesprochen, dass alle Juden nach Israel gehen sollen«, sagte sie lachend. »Ich hatte noch darauf gewartet«. Und Lala Süsskind lobte vor allem Peres’ Äußerung: »Wir sind ein Volk.« Und Erez Menashe? Er war sehr beeindruckt von der Rede: »Ich stimme mit allem, was der Präsident gesagt hat, vollkommen überein.« Er freue sich auf die Tage in Berlin. Gespräche mit Bundespräsident Horst Köhler,
Gedankenaustausch mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, Rede vor dem Deutschen Bundestag, Besuch der Gedenkstätte Gleis 17, Eröffnung des deutsch-israelischen »Zukunftsforums«. Nicht an allen offiziellen Terminen dürfe er teilnehmen, aber auch so sei es ein ganz besonderes Erlebnis: »In der Stadt gibt es so viel Emotionales zu erfahren«, sagt der Schüler. Zusammen mit seinen Freunden hier zu sein, das bedeute ihm sehr viel.
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