Polen

Was wissen Sie über Auschwitz?

Umfragen zeigen: Im Nachbarland schwinden die Vorbehalte gegenüber Juden

28.01.2010 – von Gabriele LesserGabriele Lesser


nationalismus Die polnisch-jüdische Historikerin Zofia Wojcicka, die ein Buch über die Erinnerungspolitik der polnischen Kommunisten 1944 bis 1950 geschrieben hat, freut sich über die Umfrage, die den allmählichen Wandel des Geschichtsbildes in Polen dokumentiert. »Die nationalistisch anmutende Konzentration auf das polnische Leid in Auschwitz hatte weniger mit dem tatsächlichen Nationalismus der Polen zu tun als mit ihrer Isolation hinter dem Eisernen Vorhang.« Die kommunistische Zensur habe über Jahrzehnte hinweg keine andere Erzählung zugelassen. Juden seien öffentlich nicht zu Wort gekommen.

Dies habe sich erst 1989 geändert. »Die Umfrage zeigt, dass sich in Polen langsam das Geschichtsbild durchsetzt, das der historischen Wahrheit entspricht«, so Woycicka. Nachholbedarf sieht sie aber auch im Ausland: Der Eiserne Vorhang habe auf der anderen Seite ebenfalls Wissenslücken entstehen lassen. »Im Westen, auch in Israel, weiß kaum jemand, dass in Auschwitz auch nichtjüdische Polen ermordet wurden.«

Eine andere Umfrage wird schon seit 1975 immer wieder durchgeführt: »Was denken und fühlen Polen, wenn sie an Juden denken?« Zunächst wurden nur die Sympathiewerte vermerkt. 1975 spürten gerade mal vier Prozent der Polen eine gewisse Sympathie gegenüber Juden. Das war zugleich der absolute Tiefpunkt. Ab da zeigte das Sympathiethermometer Jahr für Jahr ein paar Wärmegrade mehr an. Der Schock kam 1993, als zum ersten Mal auch die Abneigung gegenüber Juden gemessen wurde: Über die Hälfte der Befragten hatte ihr Kreuzchen beim Satz »Juden sind mir unsympathisch« gemacht. Ähnlich fiel das Ergebnis 2005 aus. Zugleich erklärten knapp 60 Prozent der Befragten, dass »die Juden, so wie früher, zu viel Einfluss in der Welt« hätten. 2005 waren Parlamentswahlen in Polen. Die nationalkonservative Partei »Recht und Gerechtigkeit« (PiS) gewann mit ihrer Angstmache vor den angeblichen inneren Feinden Polens, die sich zu einem »Geheimbund« zusammengeschlossen hätten und Polen ins Verderben reißen wollten. Das Wort »Jude« fiel zwar nicht in der Wahlkampagne, aber die Botschaft fiel auch so auf fruchtbaren Boden.

Seither ist die Sympathiekurve wieder angestiegen, während die Abneigung nachließ. Der größte Sprung war nach den vorgezogenen Parlamentswahlen 2007 zu verzeichnen, als die Abneigung der Polen gegenüber Juden auf 32 Prozent sank, die Sympathiewerte hingegen um elf Prozentpunkte anstiegen – von 23 Prozent auf 34 Prozent. Der Warschauer Soziologe Antoni Sulek ist überzeugt, dass das Bild, das sich Polen von Juden machten, weitgehend dem polnischen Selbstbild entspreche. Je sympathischer die Polen sich selbst fänden, um so sympathischer fänden sie auch Juden. Das werde noch eine gewisse Zeit dauern. Aber die Prognose sei gut.



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