Polen
Was wissen Sie über Auschwitz?
Umfragen zeigen: Im Nachbarland schwinden die Vorbehalte gegenüber Juden
28.01.2010 – von Gabriele Lesser
Seit 15 Jahren stellen Meinungsforscher des polnischen Instituts TNS OBOP regelmäßig die Frage: »Was verbinden Sie in erster Linie mit ›Auschwitz‹?« Dieses Jahr antwortete zum ersten Mal seit 1995 die Mehrheit der befragten Polen: »In Auschwitz fand die Vernichtung der Juden statt.« Was für die meisten Westeuropäer längst zum historischen Grundwissen gehört, ist in Polen eine Sensation. Für den Soziologen Marek Kucia, der die Umfrage leitet, kommt das Ergebnis einer »mentalen Revolution« gleich.
Noch vor 15 Jahren waren 47 Prozent der Befragten überzeugt, dass das Vernichtungslager Auschwitz vor allem »ein Ort des polnischen Martyriums« gewesen sei. Nur acht Prozent brachten Auschwitz mit dem Holocaust in Verbindung. Obwohl Polen schon 1989 die kommunistische Diktatur abgestreift hatte, wirkte die jahrelange Zensur und Indoktrination noch nach. »In den 90er-Jahren gab es noch eine starke Rivalität um den Opferstatus in Auschwitz«, erklärt Kucia. »Heute erkennen die meisten Polen an, dass in Auschwitz beides stattfand: die Vernichtung der Juden und das Martyrium der Polen.« Die Opferkonkurrenz von einst sei beigelegt.
Stacheldraht Die Deutschen, die 1939 Polen überfallen hatten, legten Mitte 1940 im oberschlesischen Ort Oswiecim das Konzentrationslager Auschwitz an. Dort, zwischen Kattowitz und Krakau, fanden die Besatzer Kasernen und Ställe aus der Zeit der österreichischen Herrschaft vor. Die ersten Gefangenen, allesamt polnische Widerstandskämpfer und Intellektuelle, mussten das Lager ausbauen, Stacheldrahtzäune ziehen und die Hundelaufspuren anlegen.
Ein Häftling hatte die berüchtigte Torinschrift »Arbeit macht frei« zu schmieden. Der vor einigen Wochen gestohlene Schriftzug ist zwar inzwischen wieder aufgetaucht. Da er in drei Teile zersägt wurde, muss er aber erst wieder zusammengeschweißt werden. Bis dahin bleibt über dem Tor eine fünf Meter lange Kopie hängen.
Drei Kilometer weiter, im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau, ermordeten die Deutschen rund eine Million Juden aus ganz Europa, über 20.000 Sinti und Roma sowie rund 15.000 russische Kriegsgefangene. Die meisten christlichen Polen hingegen, rund 70.000, kamen im »Stammlager« ums Leben, dem Verwaltungszentrum aller Auschwitz-Konzentrationslager.
Die aktuelle Meinungsumfrage zeigt, dass sowohl die Schulbildung wie auch die Medien in Polen versagt haben, wenn es um die Vermittlung von historischem Grundwissen geht. So sind die meisten der Befragten überzeugt, dass in Auschwitz nicht eine Million Menschen, sondern sechs Millionen ermordet wurden, die Gesamtzahl der ermordeten Juden Europas. Möglicherweise hängt dies damit zusammen, dass über andere Vernichtungslager wie Treblinka, Sobibor, Kulmhof oder Belzec nur selten berichtet wird.
Die Frage, für wen die Erinnerung an Auschwitz wichtig sei, beantworten zwar über 60 Prozent der Befragten mit »für die ganze Welt«, allerdings denken nur 20 Prozent der Polen, dass das Gedenken für Juden wichtig sei. Rund ein Viertel hält sie allerdings wichtig für die Polen selbst.
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