Tiger Woods
Sein Handicap
Wie das Leben eines Mannes wegen sexueller Abenteuer außer Kontrolle geraten kann
21.01.2010 – von Jonathan Rosenblum
tragödie In der griechischen Tragödie widerfahren dem Helden schreckliche Dinge; der Grund dafür liegt in ihm selbst. All die Dinge, die wir heute als tragisch bezeichnen – Krankheiten, Naturkatastrophen –, Ereignisse, die keinen ursächlichen Zusammenhang mit dem Helden erkennen lassen, galten den Griechen nicht als tragisch. Der kathartische Schrecken ihrer Tragödien entstand, wenn sich vor den Zuschauern das Drama entfaltete, wie ein Mensch, der mit Glück und vielen Begabungen gesegnet ist, sich selbst zerstört.
Zeuge einer solchen Selbstzerstörung zu sein erregt auch heute noch Schrecken. Denn trotz aller Bemühungen, die Woods-Saga auf ein Witzniveau herunterzuziehen, glaube ich, dass es viele Menschen gibt, die von dem schaudervollen Gedanken erfasst wurden: Wenn sogar Tiger Woods, der ganz oben, an der Weltspitze steht, durch sein eigenes Verhalten verschulden kann, dass sein gesichertes Leben sich über Nacht in nichts auflöst, wie kann ich sicher sein, dass mir nicht genau das Gleiche passiert? Es muss auf der Welt mehr als einen auf sexuellen Abwegen Wandelnden gegeben haben, der sich im Licht von Woods’ Schicksal überlegte, ob der augenblickliche Kitzel den potenziellen Schaden wirklich wert ist. Unsere Weisen raten uns: »Wäge den Genuss der Sünde gegen ihre Kosten ab.«
Die meisten von uns versuchen, ein gewisses Image aufrechtzuerhalten. Doch sind wir verletzlich: Wir könnten in den Augen der Welt – wie groß oder klein sie auch immer sei – zur Witzfigur werden, wenn unser Verhalten und das Image plötzlich nicht mehr übereinstimmen. Die Angst davor, so zu werden, ist vielleicht das größte Geschenk von Tiger Woods an die Menschheit.
Familie In den Augen vieler sind Tiger Woods’ Beteuerungen, seine Familie sei für ihn das Wertvollste auf der Welt, sicherlich nur das Produkt eines geschickten Presseagenten ohne jedweden Anspruch auf auch nur ein Minimum an Aufrichtigkeit. Ich bin da anderer Meinung. Ich glaube, dass die von ihm oftmals zum Ausdruck gebrachte Liebe und Verehrung für seinen Vater Earl, der Oberstleutnant in der Armee war, und seine Mutter von ihm tatsächlich tief empfunden wird. Wenn dem so ist – was für ein vernichtendes Gefühl muss es sein, zu begreifen, dass seine eigenen Kinder von ihm nie auf die gleiche Weise als Vorbild sprechen werden, wenn sie erwachsen sind.
Aller Wahrscheinlichkeit nach liebt Woods seine Kinder, vielleicht sogar seine Frau. Auf all die dubiosen Stelldicheins ließ er sich nicht deshalb ein, weil er seine Kinder nicht liebte. Er tat es vielmehr, wie Bill Clinton einmal erklärte, »weil er es tun konnte« oder zumindest glaubte, er könne es tun, ohne Folgen befürchten zu müssen. Die Entlarvung von Woods wird es für den nächsten Wollüstling schwieriger machen, den Gedanken an eventuelle Folgen erfolgreich zu verdrängen.
Eigenes Verhalten Was Tiger Woods geschehen ist, ist bemerkenswert lediglich wegen der Größe seines Unterganges und der Tatsache, dass er sich in aller Öffentlichkeit abspielt. Aber sexuelle Abenteuer sind nur eine von vielen möglichen Weisen, sein Glück aufs Spiel zu setzen. Woods ist bei Weitem nicht der Einzige, der sein Leben zerstört hat. Wir brauchen uns nur umzusehen, um festzustellen, dass die Anzahl derjenigen, die ihr Leben durch ihr eigenes Verhalten und falsche Entscheidungen zerstört haben, weitaus größer ist als die Anzahl derjenigen, deren Leben durch Krebs und andere Schicksalsschläge jenseits ihrer Kontrolle zerstört wurde.
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