Standpunkt
Nächstes Jahr nicht in Jerusalem
Wie ich vom jugendlichen Zionisten zum bewussten Diasporajuden wurde
21.01.2010 – von Micha Brumlik
Es ist mehr als vierzig Jahre her, dass ich, ein 1947 in der Schweiz geborener, im westlichen Nachkriegsdeutschland aufgewachsener Jude, meinen Versuch, Israeli zu werden – damals hieß das »auf Alija gehen« – abgebrochen habe und nach Deutschland zurückgekehrt bin. Die Gründe waren vielfältiger Natur: partielles Versagen im hebräischsprachigen Studium, chronischer Geldmangel sowie die frühe Ahnung, dass die damals beginnende Besiedlung des Westjordanlandes der Weg ins Verderben sein werde. Das alles war von einem Gefühl tiefer Enttäuschung grundiert: Der real existierende Staat Israel hatte nur wenig oder nichts mit jenem romantischen Gemeinwesen zu tun, dessen Bild mich als jugendbewegten Zionisten in der ZJD über die Tristesse eines depressiven Elternhauses und einen grauen westdeutschen Alltag gerettet hatte.
distanz Jugendliche neigen zum Radikalismus, und so wurde auch ich zunächst vom glühenden Zionisten zum glühenden Antizionisten. Derweil dünnten sich die realen Beziehungen nach Israel aus: Ich habe dort noch ein, zwei Freundinnen und Freunde; der Rest meiner seinerzeit in Israel lebenden Familie, mit der ich ohnehin nur spärlichen Kontakt hatte, ist vor mehr als zwanzig Jahren in die USA ausgewandert. Das konnte nicht ohne Folgen bleiben: Mein emotionaler Bezug zu Israel hat sich deutlich abgekühlt, politisch sehe ich mich heute als »Postzionisten« und überzeugten Diasporajuden. Indem ich mich um ein bewusst geführtes jüdisches Leben bemühe, ist es mir unmöglich, die Fragen nach Zionismus, Israel und ihrer möglichen Beziehung zur Schoa auf sich beruhen zu lassen. Gefühle, starke oder schwache, sind wichtig, dennoch führt nichts an dem Versuch vorbei, mir über die in sie verflochtenen Überzeugungen auch systematisch Rechenschaft abzulegen. Ich bin aufgrund historischer Studien zu der Überzeugung gekommen, dass der Staat Israel keine Folge der Schoa ist und auch nicht so früh hätte gegründet werden können, um sie zu verhindern oder ihr wenigstens massenhaft zu entfliehen. Der Staat Israel ist daher mehrheitlich auch nicht der Staat der Überlebenden des Holocaust. Wer die Frage des Staates Israel und seiner Haltung etwa zu den Palästinensern unter diesem Aspekt betrachtet, liegt von vorneherein falsch. Auch persönlich stellt Israel für mich keine rettende letzte Option dar: Als deutscher und europäischer Bürger vertraue ich uneingeschränkt auf das demokratische Potenzial dieser Gesellschaft, und so nervt mich der europäische, bisweilen kirchliche, völkische und auch islamistische Antisemitismus zwar, bedroht fühle ich mich von ihm gleichwohl nicht. Als Pädagoge und Publizist sehe ich es allerdings als meine professionelle Pflicht an, mich mit dem Antisemitismus auseinanderzusetzen. Eine faszinierende Herzensangelegenheit ist das aber seit Langem nicht mehr – es gibt wahrlich angenehmere, minder langweilige Themen.
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