Porträt der Woche
»Ich kaufe ständig Bücher«
Tanya Smolianitski kümmert sich um die jüdische Bildung mehrerer Gemeinden
21.01.2010 – von Matilda Jordanova-Duda
vielfalt Jede Gemeinde hat andere Wünsche. Bei der einen stehen die Feste im Mittelpunkt, bei der anderen die Literatur. Ich musste mich mit dem ganzen großen Spektrum des Judentums auseinandersetzen. Ich habe natürlich viel darüber gelesen, ich kaufe ständig Bücher. Wir haben an die 4.000 zu Hause. Aber es war offensichtlich, dass ich mich weiterbilden muss. Und so habe ich vier Jahre lang an der Sommeruni in Amsterdam Geschichte des Judentums studiert. Dabei habe ich viele Leute aus den verschiedensten Ecken Europas kennengelernt. Mit manchen twittere ich bis heute.
Bei Twitter und Facebook ist mir mein 16-jähriger Sohn eine große Hilfe. Er ist mit den neuen Medien aufgewachsen. Wir hatten früher keine Kinderfrau, und ich habe ihn zu allen Veranstaltungen mitgenommen. Damit er nicht weinte, bekam er einen Gameboy. Die ersten Vorlesungen endeten immer mit Applaus für Alex, weil er zwei Stunden Mamas Vortrag ausgehalten hatte, ohne viel Krach zu machen. Heute bespreche ich alle meine Seminare mit ihm, dem Vertreter der jungen Generation: Wird das für deine Altersgenossen spannend sein, ist das okay? Schließlich will ich nichts Langweiliges erzählen.
Man liest ja oft über die Juden aus der ehemaligen Sowjetunion den Satz: »Unser Sohn ist unser Lehrer. Er bringt alle Kenntnisse aus dem Religionsunterricht mit nach Hause.« Das wollen wir in der Duisburger Gemeinde eben nicht. Wir haben hier Erwachsenenseminare für Eltern und Großeltern. Auf diese Weise erreichen wir auch die Familien, deren Kinder nicht zu uns in den Kindergarten oder in den Religionsunterricht kommen. Wir treffen uns in der Bibliothek, lesen und diskutieren Texte. Da es sich um keinen formellen Lehrgang handelt, darf man alle möglichen Fragen stellen. Es ist eine offene Diskussion. Manchmal gebe ich auch Hausaufgaben auf.
Einmal die Woche haben wir unser Pro-jekt »Bambinim« für Kinder im Krippenalter mit ihren Müttern. Es handelt sich um eine frühe Sprach-, Musik- und Bewegungsförderung. Dank dieser Gruppe konnten wir unseren neuen Kindergarten recht schnell gründen, da sich schon alle kannten. Er wurde im Sommer eröffnet: Für den Kindergarten bereite ich das pädagogische Konzept vor, wie man das Judentum den Kleinen näherbringen kann.
Außerdem arbeitet unsere Gemeinde mit der Stiftung American Jewish Joint zusammen, die die Gründung jüdischer Büchereien unterstützt. Wir führen Seminare durch für Gemeindebibliothekare aus ganz Deutschland. Da gab es die Idee, einmal im Jahr ein Fest des jüdischen Buches zu veranstalten. Unser viertes Fest findet am 14. März statt. Das Organisationskomitee hat schon getagt: Wir laden erstklassige Autoren aus Israel, Frankreich, Österreich oder den Niederlanden ein sowie Rabbiner verschiedener Strömungen. All diese Teile meines Lebens verbindet immerhin ein roter Faden: Das ist die jüdische Tradition, Kultur und die Kommunikation. Ich liebe meine Arbeit sehr, das ist mein Glück. Ich hatte keine Ahnung, als wir auswanderten, dass ich meinen Beruf werde ausüben können.
Mein Arbeitstag beginnt um 6.30 Uhr. Ich stehe auf und koche meinem Sohn einen Haferbrei. Die halbe Stunde, die wir morgens zusammen am Tisch verbringen, ist unsere Zeit. Danach frühstücke ich mit meinem Mann. Überhaupt sind die morgendlichen Stunden der Familie gewidmet. Danach sammele ich mich kurz und mache mich auf den Weg. Von den vielen Städten, die ich besuche, sehe ich leider oft wenig, weil alles so durchgeplant ist. Das Einzige, was ich überall tue, ist Buchläden aufzusuchen. Nichts mache ich lieber als darin zu stöbern. Als ich klein war, nahm mich mein Vater samstags zu einem Spaziergang mit, und wir klapperten alle Buchläden im Zentrum von Moskau ab. Seitdem liebe ich diesen Zeitvertreib.
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