Gemeindearbeit

Generation dreißig plus

Warum junge Juden als Funktionäre in die Fußstapfen ihrer Eltern treten

21.01.2010 – von Heide SobotkaHeide Sobotka


Kurt Neuwald ist im deutschen Judentum so etwas wie ein Urgestein der Wiederaufbaugeneration. Über Jahre prägte er das jüdische Leben in Gelsenkirchen. Als er starb, fragte sich Judith Neuwald-Tasbach: »Wie geht es weiter? Was geschieht mit der Gemeinde? Wer kann sie in Zukunft führen?«

Fragen, die entscheidend waren. Sie engagierte sich beim Neubau der Synagoge ihrer Heimatgemeinde Gelsenkirchen und merkte, da kommt etwas zurück. »Die Gemeindemitglieder freuen sich über das schöne Gebäude. Und jetzt sollen sie darin auch ein neues jüdisches Zuhause finden.« Mit diesem Anspruch an sich selbst führt die 50-Jährige auch die Gemeinde: in einer familiären Atmosphäre.

Vorbereitung Ihr Studium als Verkehrsbetriebswirtin habe sie allerdings nur unzureichend auf die unterschiedlichen Aufgaben einer Gemeindeführung vorbereitet. Da schon eher die Managementaufgaben, die sie bei ihren verschiedenen beruflichen Stationen bewältigt hat. »Die Ansprüche sind gestiegen. Gemeindeführung kann man nicht als Nebenjob betreiben. Heute sind Controlling, Finanzwissen, bauliche Kenntnisse, Eventmanagement und organisatorisches Wissen gefragt. Ich weiß zwar etwas«, sagt Neuwald-Tasbach, »nehme aber immer gern Unterstützung in Anspruch.« Ihr Tipp einer guten Gemeindeführung: Herz und Offenheit, auch in die nichtjüdische Gesellschaft.

Das kann Michael Rubinstein nur bestätigen. Mit seinen 37 Jahren ist er in der Geschäftsführung der Jüdischen Gemeinde Duisburg-Mülheim-Oberhausen schon fast ein alter Hase. Die Arbeit seiner Eltern in der jüdischen Gemeinschaft hat ihn seit früher Kindheit geprägt. Von ihnen hat er Verbindlichkeit, offene Ohren und die Kontakte in die nichtjüdische Gesellschaft geerbt. Vater Herbert war viele Jahre Geschäftsführer des Landesverbandes Nordrhein, Mutter Ruth gehört dem Gemeindevorstand von Düsseldorf an. »Ich selbst habe alle jüdischen Angeboten mitgemacht, ging in die Jugendgruppe, wurde Madrich, fuhr zum Jugendkongress der ZWSt.«
familienbande In der kleinen Welt des deutschen Judentums kennt fast jeder Rubinstein von Kind auf. »Das ist nicht immer von Vorteil«, findet er. »Ich habe zwar glänzende Kontakte, das habe ich sicherlich vielen jungen Zuwanderern voraus. Aber mich kennt auch jeder seit Urzeiten.« Dass die Eltern in Düsseldorf führende Posten besetzten, war für ihn fast ein »K.-o.-Kriterium«, nicht als Geschäftsführer in Duisburg angestellt zu werden.

»Letztlich werden wir doch an der Leistung gemessen«, sagt der Neuling in der Runde, Alexander Sperling. Für den Jüngsten unter den vieren passte plötzlich alles zusammen. Sein Volkswirtschaftsstudium in Berlin hatte er abgeschlossen und suchte einen Job, der ihm Zeit ließ, seine Doktorarbeit zu schreiben. Seine Heimatgemeinde Dortmund suchte Unterstützung für den alternden Geschäftsführer Wolfgang Polak. Ein Jahr assistierte Sperling, seit Jahresanfang muss er sich nun allein bewähren, schon längst ruht die Doktorarbeit. Mutter Hanna Sperling, viele Jahre im Gemeindevorstand, habe ihm eher abgeraten, den Job zu übernehmen, gesteht Sohn Alexander. Man müsse manchmal unpopuläre Entscheidungen treffen. Das habe schon sein Großvater Chaim Nachman Sperling gesagt, der bis in die 80er-Jahre Gemeindevorsitzender in Essen war.

Mit viel Elan nimmt Sperling seine neue Aufgabe an. »Die Gemeinde muss stabilisiert werden. Wir müssen verhindern, dass sie nach dem Zuwandereungsrückgang jetzt noch durch etwaige Austritte geschwächt wird. Und unser Ziel muss es sein, die bestehenden Mitglieder umso aktiver an die Gemeinden anbinden.«



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