Archäologie

Anspruch aus Amman

Jordanien will die Schriftrollen vom Toten Meer ausgehändigt bekommen

21.01.2010 – von Ulrich SahmUlrich Sahm


Große Empörung gab es in der wissenschaftlichen Welt vor einigen Jahren, als die Israelis eigenmächtig eine endgültige Veröffentlichung aller Texte vorantrieben. Ursprünglich hatte ein internationales, von Jordanien ernanntes, Wissenschaftler-Konsortium das exklusive Recht erhalten, die Texte mit wissenschaftlichen Publikationen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Israelis waren von diesem Konsortium ausgeschlossen.

Weil sich die Publikation über Jahrzehnte hinzog, beschloss die israelische Altertumsbehörde 1990, den bis dahin vertraglich eingeschränkten Zugang zu den Originaldokumenten zu lockern. Gleichzeitig wurde der israelische Forscher Emanuel Tov beauftragt, eine beschleunigte Veröffentlichung der Pergamente mit teilweise nur winzigen Text-Bruchstücken voranzutreiben.

Zufallsfund Die ersten Rollen wurden durch Zufall in Qumran am Toten Meer von Beduinen gefunden. Das war 1947, als Palästina unter der Verwaltung der britischen Mandatsmacht stand. 1948 eroberte Jordanien das Westjordanland und Ostjerusalem. Die jordanische Besetzung und spätere Annexion dieses ganzen Gebietes wurde völkerrechtlich niemals anerkannt. Bis 1967 wurden weitere Rollen gefunden und im Rockefeller-Museum in Ostjerusalem, dem damaligen Palästina-Museum, eingelagert.

Ein Teil der historischen Dokumente, darunter die mysteriöse Kupferrolle und das Testimonium-Fragment wurden vom besetzten Gebiet nach Amman gebracht und werden heute im Museum auf der Zitadelle der jordanischen Hauptstadt ausgestellt. Ein Teil der Rollen liegt bis heute im Keller des Rockefeller-Museums. Einige werden im Israel-Museum im Westteil der Stadt im »Schrein des Buches« ausgestellt und in speziellen klimatisierten Tresoren aufbewahrt.

Solange es keinen palästinensischen Staat gibt und die Palästinenser lediglich Anspruch stellen auf die Fundstelle am Toten Meer oder auf das Museum in Ostjerusalem, fragt sich, wieso die Jordanier als ehemalige Besatzer dieser Gebiete heute Besitztumsansprüche stellen können.

Ob die Israelis die Rollen tatsächlich als ihr »Eigentum« betrachten, zumal sie gewiss eher jüdisches Kulturerbe sind, als arabisches, muslimisches oder gar jordanisches, konnte die israelische Altertumsbehörde auf Anfrage nicht sofort beantworten. »Wir müssen Ihre Fragen noch genau prüfen. Sie werden in nächster Zeit eine Antwort erhalten«, schrieb die Sprecherin der Behörde.

Eine echte Entscheidung wird erst getroffen werden müssen, wenn der Staat Palästina errichtet worden ist. In den Osloer Interims-Verträgen zwischen Israel und der PLO aus dem Jahr 1995 steht, dass die Verteilung archäologischer Fundstücke erst in den »Endstatus-Verhandlungen« festgelegt werde. Diese Verhandlungen haben bis heute nicht einmal begonnen. Völlig unklar ist, wie Jordanien hier Rechtsansprüche stellen kann auf archäologische Funde, die nicht in seinem eigenen völkerrechtlich anerkannten Staatsgebiet gemacht worden sind und später auch nicht in Jordanien eingelagert wurden.



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