haiti
Davids Schild
Israelis gehörten zu den ersten, die im Katastrophengebiet eintrafen. Sie suchen Verschüttete und helfen Überlebenden. Eine Reportage aus einem zerstörten Land
21.01.2010 – von Hans-Ulrich Dillmann
»Die Erde begann zu zittern, die Stände hüpften regelrecht in die Höhe«, berichtet Altagrace Nazé. Plötzlich spürte sie einen heftigen Schlag am Kopf, Gesteinsbrocken flogen durch die Luft. Taumelnd sprang die junge Frau mitten auf die Kreuzung. Mauern stürzten mit lautem Getöse in sich zusammen, ganze Straßenzeilen kollabierten durch die Erschütterung, die in einer Entfernung von rund 15 Kilometern von Port-au-Prince ausgelöst wurde. Mit dem Beben der Stärke 7 schien die Welt um die junge Frau unterzugehen.
Wie durch ein Wunder entging Nazé dem Schicksal derer, die neben ihr saßen. »Alle Marktfrauen rechts und links von mir sind erschlagen worden«, sagt sie mit um Fassung ringender Stimme. Immer wieder schaut sie sich ängstlich um. »Was soll ich jetzt machen? Ich habe alles verloren.« Auch eine Woche nach dem Beben ist Nazé noch völlig verstört und traumatisiert. Immer wieder beginnt sie zu wimmern, rinnen Tränen ihre Wangen herunter. »Es ist ein Wunder, dass ich überlebt habe«, stammelt sie, »Gott hat mich gerettet.«
An der Straßenecke kann die junge Witwe drei Männer beobachten, die mit einer Milchpulverdose in den Trümmern eines Eckhauses nach Verwertbarem graben. In einer Ecke schwelt ein Feuer, davor sieht man eine Leiche, die zu schwarzer Masse verbrannt ist, aus der ein Armknochen spitz gen Himmel zeigt.
verwüstung Hunderttausende haben in Port-au-Prince ihre Unterkünfte verloren, Zehntausende sind tot, die Regierung spricht von mehr als 100.000 Todesopfern – es können auch viel mehr sein. Unzählige wurden bereits in Massengräbern bestattet. Port-au-Prince ist zur Hälfte, die südliche Kleinstadt Jacmel zu 70 Prozent zerstört, und in der Küstenstadt Petit Goâve sind manche Stadtviertel völlig dem Erdboden gleichgemacht.
Auch das Regierungsviertel in der Innenstadt von Port-au-Prince bietet ein Bild der Verwüstung. Fast alle Häuser sind in sich zusammengebrochen. Minister liegen unter den Trümmern ihrer Amtsgebäude – der haitianische Staat hat de facto aufgehört zu existieren. Selbst der Präsidentenpalast ist zerstört. Den Staatschef René Préval haben nur die riesigen grün getönten, kugelsicheren Scheiben davor bewahrt, Opfer des Bebens zu werden.
Die Häuser, die in dem Innenstadtkarree zwischen Meer und dem Marsfeld noch stehen geblieben sind, haben große Risse und sind einsturzgefährdet. Wohnen wird hier auf lange Zeit unmöglich sein. Auch in anderen Stadtvierteln verlassen die Menschen ihre Hausruinen. Sie ziehen zu Verwandten im Norden des Landes, oder sie versuchen, ein Visum für die Einreise nach Kanada oder in die USA zu erhalten.
In Port-au-Prince arbeiten die israelischen Rettungskräfte seit Stunden im Schutt des Gebäudes der Steuerbehörde. Gelbe Hydraulikpressen stützen die Decke ab, damit von oben nicht weitere Schuttmassen nachrutschen und die Betondecke auch noch die Retter erschlägt. »Wir müssen sehr vorsichtig graben, jeden Moment können weitere Steine herunterbrechen und uns und das Opfer gefährden«, sagt Eric Fedida, der MDA-Mitarbeiter, während er einen Moment am Eingangstor ausruht und eine Zigarette raucht. »Wir haben Kontakt zu ihm, und unsere Sanitäter haben ihn inzwischen mit Wasser und Medikamenten versorgen können.«
Fast 250 Ärzte, Rettungskräfte und Mitarbeiter des Außenamtes hat Israel in das Katastrophengebiet geschickt – schon einen Tag nach Bekanntwerden der Katastrophe. Sie sollen Verschüttete retten und Tote aufspüren, damit sie im Rahmen der Aufräumarbeiten geborgen werden können. Rettungseinheiten des jüdischen Staates gehören meist zu den ersten, die in Katastrophengebieten eintreffen. Bereits wenige Stunden nach ihrer Ankunft hatten die Helfer das erste funktionsfähige Feldkrankenhaus Haitis geschaffen.
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