haiti
Davids Schild
Israelis gehörten zu den ersten, die im Katastrophengebiet eintrafen. Sie suchen Verschüttete und helfen Überlebenden. Eine Reportage aus einem zerstörten Land
21.01.2010 – von Hans-Ulrich Dillmann
Wenn man in der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince durch das halb geöffnete Eisentor in den In- nenhof des einst wuchtigen vierstöckigen Gebäudes der Steuerbehörde schaut, sieht man eine riesige Geröllhalde. Vor dem Tor parken mehrere Mietfahrzeuge, Aufkleber von Magen David Adom (MDA) und Zahal sind darauf gepappt. Die Helfer des »Roten Davidschilds« und der israelischen Armee haben ein Seil gespannt, mit dem sie sich in die Höhe hangeln. »Endlich haben wir Kontakt zu einem Überlebenden hergestellt«, erklärt Eric Fedida vom MDA die Situation. Erst vor ein paar Stunden sind er und andere Helfer in Haiti gelandet. Nun haben Spürhunde einen Überlebenden ausgemacht – in einem Hohlraum, der einmal das dritte Stockwerk des Finanzamts war.
Vorsichtig graben sich die Männer mit den gelben Schutzhelmen und der israelischen Armeeuniform durch das Gewirr aus Moniereisen und fast pulverisiertem Beton. Eine gefährliche Arbeit. Noch immer zittert die Erde im »Land der Berge«, wie die Taíno-Ureinwohner die zweitgrößte Karibikinsel Hispaniola nannten, schrecken kleinere Nachbeben die Menschen auf und lassen sie schreiend und gestikulierend auf die Straßen laufen. Die Retter mit der Kippa schreckt das nicht. »Wir haben schon in einigen Ländern mit unserer Katastrophenerfahrung und unseren Suchhunden geholfen«, sagt Fedida. »Aber was ich hier sehe, ist schon sehr schlimm.«
schreie Eigentlich war schon Feierabend im Finanzamt von Port-au-Prince, als am Dienstag der Vorwoche die Erde zitterte. Um 16.53 Uhr (22.53 Uhr deutscher Zeit) begann das Beben, beugten sich die Bäume, drangen Schreie von verzweifelten Menschen durch die Stadt.
Nachmittags, kurz vor fünf Uhr, drängen sich gewöhnlich Tausende Menschen rund um den Marché du Fer, den größten Markt der Stadt. Sie wollen sich auf dem Heimweg mit Gemüse und Obst eindecken oder zwischen den unzähligen kleinen Marktständen nach Schnäppchen in den Gebrauchtkleiderstapeln und Billigschuhangeboten suchen.
Altagrace Nazé verkaufte wie jeden Tag an der Ecke von Rue du Centre und Rue des Miracles Billigkleidung. Reich wurde die Familie nicht, aber es genügte für den Lebensunterhalt der Mutter eines dreijährigen Sohnes, für warme Mahlzeiten und Bekleidung. Auf der Straße vor dem Stand der 22-jährigen Frau priesen junge Männer und Frauen mit »dlo, dlo«-Rufen kleine Plastiktüten mit eingeschweißtem Wasser an, Frauen balancierten große Weidenkörbe mit Korianderbüschel und Möhren auf ihren Köpfen, und junge Männer versuchten, Kurzwaren, Kaugummi oder Baguettebrötchen zu verkaufen.
80 Prozent der neun Millionen Einwohner Haitis leben von täglich weniger als 1,40 Euro, die Hälfte muss sich sogar mit nur 70 Cent begnügen. Haiti, die einstige »Perle der Karibik«, ist schon lange das Armenhaus Lateinamerikas.
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