gesellschaft
Der Stammtisch ruft
Die meisten deutschen Juden sind genauso spießig wie ihre Mitbürger – und das ist auch gut so
14.01.2010 – von Michael Wuliger
medienbilder Doch das wissen die allermeisten Deutschen nicht. Denn sie sind noch nie einem leibhaftigen Juden begegnet. Schon mangels Masse nicht. Rund 80 Millionen Menschen leben in der Bundesrepublik. Etwa 200.000 von ihnen sind jüdisch. Macht 2,5 Promille, eine relevante Größe nur bei Alkoholkontrollen im Straßenverkehr. Was man über Juden weiß, oder glaubt zu wissen, stammt deshalb in der Regel nicht aus eigener Anschauung, sondern ist aus Schulunterricht und Medien geschöpft. Dort aber kommen Juden in der Regel nur in drei Zusammenhängen vor: Schoa, Religion und Israel. Im Bewusstsein der allermeisten Bundesbürger haben Juden entweder Bart und Peijes, sind Uzi-bewehrte Siedler oder wurden vergast. Oder sie heißen Michel Friedman. Den kennt man aus dem Fernsehen.
eliten Dabei wird wie kaum sonst wo auf der Welt in Deutschland der Dialog zwischen Juden und Nichtjuden offiziell gepflegt. Der Zentralrat ist ein geschätzter Gesprächspartner der Bundesregierung. Bei kommunalen Festveranstaltungen sitzen die Vorsitzenden der jüdischen Gemeinden in der ersten Reihe neben den örtlichen Würdenträgern der katholischen und evangelischen Kirche. (In manchen Städten mittlerweile ergänzt durch lokale muslimische Repräsentanten.) Kaum eine Neueinweihung einer Synagoge, bei der nicht der Ministerpräsident die Festrede hält, einschließlich der inzwischen unvermeidlichen Floskel »Wer ein Haus baut, will bleiben«. Auch im nichtstaatlichen Establishment sowie in Kultur und Medien spielen Deutschlands Juden eine unübersehbare Rolle. In den Rundfunkräten der öffentlich-rechtlichen Sender haben Vertreter der jüdischen Institutionen wie selbstverständlich Sitz und Stimme. Die jüdischen Museen, allen voran das in Berlin, gehören zu den meistbesuchten Häusern ihrer Art. An den Hochschulen florieren jüdische Studien aller Art, von Holocaustforschung bis Jiddischistik. Bei Kirchentagen und im Dialog der Religionen gehört Micha Brumlik zum festen Inventar. Ein neues Buch von Maxim Biller ist immer ein literarisches Ereignis. Im Feuilleton der FAZ kann man regelmäßig kluge Betrachtungen von Salomon Korn lesen. Henryk M. Broder steht wie kein anderer für die Kunst der öffentlichen Polemik, manchen gilt er als zweiter Börne. So viel jüdische Präsenz war selten.
GEISTESVERWANDT Freilich nur auf der Ebene der politischen und kulturellen Eliten. Für die Masse der Bundesbürger sind und bleiben Juden unbekannte Wesen. Was schade ist. Denn träfe Otto Normalverbraucher zufälligerweise doch einmal persönlich auf einen Juden – im Kollegenkreis, bei einer Party oder im Tennisklub – würde er feststellen können, dass Moische Normaljude (der meist auch nicht Moische heißt, sondern völlig unverfänglich Richard oder Markus) ihm weit ähnlicher ist als den jüdischen Promis, die man aus den Medien kennt. Die Broder, Billers und Brumliks sind völlig unrepräsentativ. Der deutsche Durchschnittsjude liest eher Kicker als Talmud, wäscht am Samstag sein Auto, statt in die Synagoge zu gehen, hört lieber ABBA als Klesmer. Israel kennt er hauptsächlich von regelmäßigen Winterferien in Eilat, aufregen tut er sich weniger über Neonazis als über den schlechten Tabellenplatz seines Bundesligavereins. Und über Schwule, Türken und Hartz-IV-Schmarotzer kann er herziehen wie der beste Stammtischbruder.
Juden sind tatsächlich, könnte unser deutscher Spießer erstaunt und erfreut konstatieren, Menschen wie du und ich. Philosemiten, denen jeder Jude ein Nathan der Weise sein muss, oder wenigstens ein Amoz Oz, mag das betrüben. Ebenso Rabbiner oder säkulare jüdische Intellektuelle, die, jeweils auf ihre Art, an den Mythos der Auserwähltheit glauben. Dabei liegt im jüdischen Spießertum eine große Chance. Es, und es allein, kann die Basis dafür bilden, dass der viel beschworene deutsch-jüdische Dialog von der Phrase zur Wirklichkeit wird. In der Verwandtschaft ihrer Vorurteile, ihrer intellektuellen Beschränkungen und dumpfen Affekte können die meisten Juden und Nichtjuden problemlos zueinanderfinden. Gemeinsames Stammtischpalavern über korrupte Politiker, faule Arbeitslose, Ausländerflut (ob Türken oder Russen) stellt mehr deutsch-jüdische Verständigung her als sämtliche Wochen der Brüderlichkeit und Leo-Baeck-Preise zusammengenommen. Man verachte die Wendriners nicht. Der deutsch-jüdische Dialog braucht sie, wenn er endlich aus der Sphäre der Kirchentage, Kanzlerreden und Feuilletons herunter finden soll an Kneipentresen, zu Tupperpartys und in Fußballstadien. Dorthin, wo die Juden und die Deutschen wirklich sind.
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