Streit

Lehrstelle

Auf dem Bebelplatz in Berlin erinnert Micha Ullmans »Leere Bibliothek« an die Bücherverbrennung 1933. Doch bald findet dort auch eine Modewoche statt – sehr zum Ärger des Künstlers und vieler Bürger

14.01.2010 – von Katrin RichterKatrin Richter


Der israelische Künstler Micha Ullman, Schöpfer des Denkmals, ist damit nicht zufrieden. Der Zaun, der um diesen Korridor verläuft, passe nicht in das Gesamtkonzept, den Platz in seiner ganzen Größe zu zeigen. Er ist enttäuscht, dass die Fashion Week zum wiederholten Mal an diesem Ort stattfinden wird. Für ihn ist nicht nachvollziehbar, warum die Stadt Berlin und Hauptsponsor Mercedes-Benz gerade den Bebelplatz für dieses Event gewählt haben: »Wie kann man für eine solche Veranstaltung einen derartigen Ort wählen? Es wundert mich sehr, dass ein Unternehmen wie Mercedes das unterstützt.«

Nomaden Daniel Aubke, Sprecher des Veranstalters, hat nach eigenen Angaben vor längerer Zeit den Kontakt zu Ullmann gesucht, um ihn zu einer möglichen Nutzung des Bebelplatzes zu befragen. »Leider erhielten wir keine Antwort, wir befinden uns derzeit aber bereits auf der Suche nach einem alternativen Veranstaltungsort für die nächste Fashion Week, denn wir verstehen uns auch als Nomaden.« Doch in diesem Jahr bleibt es beim Bebelplatz als Standort. Dort, wo Ullmans »Leere Bibliothek« im Boden eingelassen ist. »Die Leute, die nach unten schauen, sind das Denkmal«, betont der Künstler. Was man sieht, nennt Ullman das »Grab einer Bibliothek«. In dem fünf Meter tiefen hellen Raum stehen fünf Meter hohe weiß getünchte Regale. 20.000 Bücher hätten darin Platz, doch die Regale sind leer. Eine Erinnerung an die geplünderte Alte Bibliothek, die sich an diesem Ort befand. Nachts, wenn der Raum beleuchtet ist, strahlt er als einsamer weißer Fleck auf dem dunklen Bebelplatz. Tagsüber allerdings, wenn sich der Himmel über Berlin in der Glasplatte spiegelt, geschieht das eigentlich Symbolische: »Die Wolken stehen für ein unendliches Brennen«, erklärt Ullman. Wenn man aber nun ein riesiges Zelt auf den Bebelplatz setze, entferne man den Himmel, sagt der Künstler. Selbst wenn dicke Schneewolken über Berlin hängen, wird ihre Bewegung gespiegelt. Das fasziniert auch Zhu Ling. Die 27-Jährige aus Shanghai hat in Berlin studiert und stand schon oft auf dem Bebelplatz. Sie erinnert sich noch an das erste Mal, als sie die »Leere Bibliothek« sah: »Ich stutzte etwas, weil ich nicht gleich erkennen konnte, was genau da unten war. Ich sah erst die Wolken und dann den leeren Raum. Als ich schließlich die Inschrift neben dem Denkmal las, lief es mir kalt den Rücken runter.« Auf der Platte steht in bronzenen Buchstaben ein Zitat von Heinrich Heine: »Das war ein Vorspiel nur, dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.« Dass das Gesamtkonzept für den Platz durch die Fashion Week gestört wird, findet Zhu Ling nicht gut. Man könne doch einen anderen Ort finden. »Berlin ist so groß.«

Es wäre nicht das erste Mal, dass das Modeevent umziehen müsste. 2008 führte der Catwalk mitten durchs Brandenburger Tor. Es war die erste Fashion Week, und sie sollte mindestens so glamourös sein wie das Filmfest Berlinale. Doch dann kamen kritische Stimmen auf, das Brandenburger Tor sei nicht der richtige Ort, um Mode zu präsentieren.

Und beim Bebelplatz? Bisher kaum öffentliche Erregung. Herbert Mondry vom Berufsverband Bildender Künstler Berlin (BBK) findet das merkwürdig. Der BBK hat sich der Petition des Historikers Coppi angeschlossen: »Die ›Leere Bibliothek‹ von Micha Ullman ist das bedeutendste Denkmal Berlins.« Mondry ist enttäuscht, dass Wirtschaftssenator Wolf dem Ganzen zugestimmt habe. »Die Linkspartei hat sich doch Antifaschismus auf die Fahne geschrieben, warum dann diese Entscheidung?«

Parkplatz Die Modewoche ist nicht das einzige Problem des Bebelplatzes und seines Erinnerungsortes. Ein blaues Schild mit einem weißem P weist auf eine Tiefgarage hin. Anfang Dezember 2004 wurde diese mit 464 Stellplätzen eröffnet. Ein umstrittenes Projekt, das dann aber doch gebaut wurde, um die Straße Unter den Linden zu entlasten. Auch die Staatsoper ist regelmäßiger Gast auf dem Bebelplatz. Mit ihrem Sponsor BMW veranstaltet sie seit 1997 die »Staatsoper für alle«, bei der Veranstaltungen entweder live aufgeführt oder aus dem Gebäude übertragen werden. Und mehrere Winter lang gab es auf dem Platz eine 750 Quadratmeter große Eislaufbahn. Das ist Vergangenheit, die Gegenwart heißt Fashion Week. Doch ganz reibungslos wird die Veranstaltung wohl nicht über den Laufsteg gehen. Eine »Initiative Bebelplatz« lädt zu Beginn des Modespektakels zu einer Diskussion ein. Ziel ist es, die Fashion Week kritisch zu begleiten. In einem Schreiben wird dazu aufgerufen, das Denkmal halbstündlich zu besuchen und damit gegen die »Verschandelung des Erinnerungsortes« zu demonstrieren.

Am Abend des 23. Januar wird der rote Teppich eingerollt und das Modezelt abgebaut. Dann ist der Bebelplatz wieder frei – bis zur nächsten Ausnahmegenehmigung.

Am 20. Januar, 20 Uhr, lädt die »Initiative Bebelplatz« in das Haus der Stiftung Brandenburger Tor, Pariser Platz 7 zur Diskussion.



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