Ukraine

Hauptsache Demokrat

Für viele jüdische Wähler gibt es keinen idealen Präsidentschaftskandidaten

14.01.2010 – von Clemens HoffmannClemens Hoffmann


»Egal wer gewinnt – ich fürchte, es wird weniger Freiheit geben«, sagt Anja Lenchovska vom »Kongress für nationale Minderheiten«. Die junge jüdische Frau leitet die Bürgerinitiative, die Toleranzseminare für Jugendliche in der ganzen Ukraine organisiert. Sowohl Timoschenko als auch Janukowitsch führen straff organisierte Parteiapparate. Bei beiden sieht Lenchovska autoritäre Tendenzen. »Es fängt im Kleinen an«, sagt Anja. Im vergangenen Jahr verbot die ukrainische Moralkommission die Ausstrahlung des »Brüno«-Films des britischen Komikers Sacha Baron Cohen wegen anzüglicher Szenen. »Ich hoffe, dass wir keine autoritäre Gesellschaft wie in Russland werden«, meint die Aktivistin nachdenklich.

Wie viele ihrer Landsleute hatte Anja große Hoffnungen in die Orangene Revolution gesetzt – und ist jetzt enttäuscht, weil Präsident Juschtschenko die meisten seiner Versprechen nicht eingelöst hat. Immerhin wachse die Zivilgesellschaft. Juden müssten sich glücklicherweise nicht bedroht fühlen, meint die junge Frau. »In der Ukraine gibt es mehr Ausländerfeindlichkeit als Antisemitismus. Vor allem Flüchtlinge und Migranten sind davon betroffen.«

rechts aussen Sorgen macht ihr, dass unter den 18 Präsidentschaftskandidaten mit Oleh Tjanybok mindestens ein gefährlicher Rechtspopulist sei. Seine »Swoboda«-Bewegung organisiert Märsche gegen illegale Migration und veranstaltet auch andere ultrachauvinistische Aktionen. Ein anderer Splitterkandidat, der Ushgoroder Bürgermeister Serhij Ratuschnjak, rief Ende November sogar die Knesset in Jerusalem auf den Plan. Ratuschnjak hatte den neoliberalen Präsidentschaftskandidaten Arsenij Jazenjuk als »frechen Juden« im Dienste der Oligarchen bezeichnet und einen von Jazenjuks Wahlkampfhelfern tätlich angegriffen.

Man könne nicht schweigen, wenn mit Ratuschnjak ein Holocaustleugner in der Ukraine das höchste Staatsamt anstrebe, der bereits mit Drohungen an die Adresse der jüdischen Gemeinde aufgefallen sei, schrieben daraufhin 20 Abgeordnete mehrerer Knesset-Fraktionen an Präsident Juschtschenko und Ministerpräsidentin Timoschenko.

Die Einmischung von außen kam in der ukrainischen jüdischen Gemeinschaft unterschiedlich an. Josef Zissels von der Vereinigung jüdischer Organisationen und Gemeinden ist überzeugt: »Es gibt keine nen- nenswerte radikale Wählerschaft in der Ukraine.« Rabbiner Alexander Duchowny von der Vereinigung der progressiven jüdischen Gemeinden der Ukraine fand den Protestbrief aus Israel dagegen richtig: »Was Ratuschnjak sagt, ist nicht nur gefährlich für Juden, es ist gefährlich für alle Menschen.«

Die Aussicht auf eine Präsidentin Timoschenko oder einen Präsidenten Janukowitsch sorgen bei den jüdischen Offiziellen – ähnlich wie in der Bevölkerung – für wenig Euphorie. Zissels gibt sich diplomatisch: »Ich sehe keinen idealen Kandidaten, nicht mal einen optimalen.« Umso wichtiger sei, dass das Land Kurs halte: »In den letzten fünf Jahren ist die Ukraine auf dem demokratischen Weg weiter vorangekommen als in den 20 Jahren davor zusammen.« Und auch der progressive Rabbiner Alexander Duchowny hofft, dass ein neuer Präsident die demokratischen Veränderungen vorantreibt. »Wir sind im Prozess, die Demokratie aufzubauen. Ich wünsche mir, dass der Wohlstand wächst, dass religiöse Freiheit, Medien- und Meinungsfreiheit gewahrt bleiben.«



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