Ukraine
Hauptsache Demokrat
Für viele jüdische Wähler gibt es keinen idealen Präsidentschaftskandidaten
14.01.2010 – von Clemens Hoffmann
Die Premierministerin mit dem geflochtenen Zopf geht auf Tuchfühlung mit der jüdischen Gemeinde – per Wahlplakat: Rund um die Brodsky-Synagoge im Kiewer Zentrum lächelt Julia Timoschenko von weißen Transparenten, die quer über die vereisten Straßen gespannt sind. »Die Ukraine bewegt sich. Die Ukraine – das bist du!«, lautet der Slogan, mit dem die einst engste Weggefährtin von Präsident Juschtschenko nun selbst ins höchste Staatsamt drängt.
An diesem Sonntag wird in dem osteuropäischen Land ein neuer Präsident gewählt – und die derzeitige Ministerpräsidentin gilt als heiße Favoritin. Auch bei Immobilienmakler Joel, der gerade unter dem Transparent hindurch zum Schabbatgottesdienst eilt. »Julia ist gut fürs Business«, sagt er, »ihr vertraut man im Westen eher als anderen Politikern.«
Nicht jeder legt sich so eindeutig fest. »Wir sind für alle, die für Demokratie eintreten«, orakelt Itzhak, der vor der Synagoge hektisch noch die letzten Telefonate vor dem Feiertag erledigt. Was die Juden von den Kandidaten halten? Was für eine Frage! »Die Wahl ist geheim. Jeder entscheidet für sich«, raunzt Itzhak.
Nur einer liegt in den Umfragen noch vor der eisernen Lady mit dem ausgeprägten Machtinstinkt: Timoschenkos schärfster Konkurrent, Viktor Janukowitsch von der Partei der Regionen. Der mutmaßliche Wahlfälscher von 2004, gegen den die Orangene Revolution losbrach, hat das Verliererimage abgestreift. Sein Konterfei strahlt in einer Nebenstraße der Synagoge aus einem eisblauen Reklamekasten. Janukowitsch verspricht »Die Ukraine für die Menschen«. Vor allem im Osten und Süden des Landes hat der 59-Jährige seine Hochburgen.
stechen Viktor oder Julia – auf diese Wahl scheint es hinauszulaufen, wenn Anfang Februar im zweiten Durchgang die einfache Mehrheit zum Sieg reicht. Amtsinhaber Juschtschenko dagegen bekommt die Enttäuschung und den Frust seiner Landsleute zu spüren. Seine Chancen, wiedergewählt zu werden, sind gleich null.
Die 18-jährigen Brüder Josef und Schmuel, die aus der Jeschiwa kommen, haben sich noch nicht entschieden, ob sie überhaupt wählen gehen. »Die Politiker betrügen doch alle«, meint Josef verächtlich. Schmuel nickt.
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