Zeitzeuge

Die drei Leben des Élie Buzyn

In seinen Memoiren schildert der Vater der französischen Gesundheitsministerin Agnès Buzyn, wie ihn die Schoa prägte

12.04.2018 – von Geneviève HesseGeneviève Hesse

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Bis 1993 sprach Élie Buzyn kaum über seine Kindheit im Ghetto von Lodz, in Auschwitz und in Buchenwald. 50 Jahre lang schwieg der heute 89-Jährige. Bis sein Sohn Gaël, damals 21 Jahre alt, den Wunsch äußerte, nach Auschwitz zu fahren. Dort wurden Élies Eltern im August 1944 ermordet. Ebenfalls dort überlebte Élie Buzyn bis Januar 1944. Dann schickten ihn die Nazis auf einen Todesmarsch nach Buchenwald.

Seit dem Impuls seines Sohnes vor 25 Jahren widmet sich Buzyn aktiv dem Gedenken an die Schoa. Als Zeuge begleitet der ehemalige Chirurg ein- bis zweimal im Jahr Gruppen nach Auschwitz. Vorträge hält er an diversen Orten, auch bei der UNO im Januar 2017. In den Dokumentarfilmen Élie et Nous (Élie und wir) und Nos traces silencieuses (Unsere stillen Spuren) erzählt er von seinem Lebensweg. Seine Autobiografie J’avais 15 ans. Vivre, survivre, revivre erscheint im April in Frankreich anlässlich des 73. Jahrestages der Befreiung von Buchenwald.

Buzyns »Lebenslehren« sind optimistisch. Sein Text erstarrt nicht angesichts der NS-Tötungsmaschinerie, der Autor setzt ihr seinen individuellen Rettungsweg entgegen – »eine Revanche des Lebenslaufs gegen den Todesmarsch«. Chronologisch gliedert er sein Buch in drei Teile: vivre, survivre, revivre – leben, überleben, wieder leben. Die Teile »vivre«, zunächst in einer unbeschwerten Kindheit, dann im Ghetto von Lodz, und »survivre« im KZ sind jeweils nur rund 20 Seiten lang. Das Hauptanliegen des Buchs ist das »revivre« – Buzyns Botschaft: Das Nazigrauen wird durch Humanismus besiegt. Buzyn zitiert mehrere KZ-Überlebende, darunter den ungarischen Schriftsteller Imre Kertész. »Es war nicht mein Schicksal, aber ich habe es durchlebt.«

olympia Im ersten Satz des Buches beschreibt Buzyn, wie seine Füße gegen den grauen und flachen Boden hämmern. Auf dem Todesmarsch? Nein, die Anfangsszene findet 62 Jahre später statt, als Buzyn die Flamme der Olympischen Winterspiele von Turin trägt. Dieselben Füße, die im polnischen Winter so erfroren waren, dass sie ohne die Hilfe von Mithäftlingen amputiert worden wären, können später sogar Marathon laufen.

Mitleid mag der Autor nicht auf sich lenken. Relativ knapp beschreibt er, wie sein älterer Bruder im Ghetto kaltblütig vor den Augen der ganzen Familie erschossen wurde oder wie alle Kinder unter zehn von dort abgeholt und vergast wurden. Wörter oder Bilder, schreibt er, seien nicht in der Lage, »eine so unmenschliche Realität wiederzugeben«. Er wisse immer noch nicht, wie er beschreiben soll, wie es sich damals angefühlt hat. Dafür schildert er, wie seine Mutter trauerte – das sagt schon alles.

Spürbarer sind Buzyns Emotionen bei Szenen des Glücks: der Tanz der Mutter an einem Vorkriegsgeburtstag mit ihrem älteren Sohn bei ihrem Lieblingslied aus dem Radio; die Wiederbegegnung mit dem Onkel aus Paris am Ende des Krieges; Buzyns Hinweise auf seine acht Enkel. Vor allem sie betrachtet er als Sieg über seine Peiniger und lässt sie im Buch durch Gedichte oder Zeugnisse zu Wort kommen. Sobald einer von ihnen das 15. Lebensjahr erreicht – das Alter, in dem er nach Auschwitz kam –, begleiten sie den Großvater in die heutige Gedenkstätte.

mutter Mit dem Buch gedenkt Buzyn auch der Menschen, die ihn durch kleine oder große Taten retteten: des Mithäftlings, der ihm bei der Selektion zuflüsterte, sich als arbeitsfähiger 17-Jähriger auszugeben, des Arztes, eines Zeugen Jehovas, der ihn in Auschwitz gesund pflegte, des Kommunisten Wilhelm Hammann, der ihn und andere Kinder in Auschwitz beschützte, der Familie, die ihn in Oran nach dem Krieg wie den eigenen Sohn aufnahm.

Nicht zuletzt beschreibt Buzyn, wie er sich später als Chirurg gerade für die Menschen einsetzte, die früher im Visier des Naziwahns standen: Alte, psychisch Kranke, Zeugen Jehovas, Einwanderer. So schließt sich der Lebensbogen des Sohnes einer für Arme stark engagierten, jüdischen Mutter, die ihm im Ghetto sagte: »Du sollst alles tun, um am Leben zu bleiben.« Er solle weitererzählen, was ihnen angetan wurde.

Als »Seiltänzer« beschreibt ihn seine Ehefrau, die Psychotherapeutin und Autorin Etty Buzyn, im Nachwort. Ihr Mann schwebe »über einem gähnenden Abgrund, in den er immer noch versuche, nicht hineinzufallen«. Dass seine ältere Tochter Ministerin geworden ist, gehört sicher auch zum inneren Sieg von Élie Buzyn. Ein Sieg, der gleichzeitig die Kraft hat, anhaltende Wunden preiszugeben.


Élie Buzyn: »J’avais 15 ans. Vivre, survivre, revivre«. Leduc.s Éditions, Paris 2018, 160 S., 18 €

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