Assimilation

Der Preis des Erfolgs

Vorsicht, Assimilation: Warum der türkische Premier Erdogan vor jungen russisch-jüdischen Zuwanderern hätte reden sollen

21.02.2008 – von Sergey LagodinskySergey Lagodinsky

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von Sergey Lagodinsky

Die Kölnarena ist Deutschlands größte Veranstaltungshalle. Noch Anfang Februar sang dort ein deutsches Pop-Sternchen mit französischem Namen und einer kindlich-verführerischen Stimme: „Ich hab’ mich benommen, so als hätte ich Stil (…), doch das war nur ein Trick, damit ich dich krieg’ (…). Und jetzt möchte ich, dass du mich liebst ganz genauso wie ich wirklich bin!“ Zwei Tage später brachte es der türkische Premier Erdogan knapper und weniger musikalisch auf den Punkt: „Assimilation ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.“ Die „Deutschtürken“ in der Halle jubelten, in der deutschen Öffentlichkeit brach ein Sturm der Entrüstung aus.
Wieso bloß? Über Assimilation ist viel geschrieben worden. Und meist wenig Schmeichelhaftes. Hannah Arendt und Theodor Adorno sind da etwa zu nennen. Für sie war Assimilation kein natürlicher Prozess auf dem Wege zur Integration, sondern ein tragischer Endzustand der Vermengung, der individuelle Identitäten zerreißt und tolerante Gesellschaften vernich- tet. Statt des assimilatorischen Drucks der Gleichmacherei verlangte Adorno poetisch nach einer „Versöhnung der Differenzen“. Heute würde man das wohl trocken „Inte- gration“ nennen.
Wie schade, dass Erdogan nicht wie Adorno dichten kann! So trat er mit seiner Anti-Assimilationsformel von einem Fettnäpfchen ins andere, obwohl er abstrakt sogar recht behalten mag. Ob aus politischem Ungeschick oder aus politischem Kalkül – Erdogan hat zwar zu Diaspora-Türken gesprochen, aber in die inneren Angelegenheiten der Deutschen hineingeredet. Damit überschritt er die Grenzen seines Rechts als Staatsgast und erntete den Zorn der Gastgeber. Auch andere Staatsmänner mussten auf ihren Auslandsreisen ähnlich bittere Pillen schlucken, wenn sie die formelle Distanz zu ihren Gemeinden aufgaben. Was waren die Franzosen empört, als Israels Premier Ariel Scharon die französischen Juden aufforderte, das Land wegen des Antisemitismus zu verlassen!
Der Missbrauch juristischer Begrifflichkeiten tut sein Übriges. Assimilation mag ein Problem sein, sie ist aber noch lange kein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. In der Sprache der Politiker und Politaktivisten ist der inflationäre Gebrauch klarer Rechtsbegriffe schon lange kein Tabu mehr. Und was, wenn nicht ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, ist Assimilation in dieser Welt, in der jede militä- rische Operation als „Genozid“ und jede kritische Karikatur als „Menschenrechtsverletzung“ eingestuft wird?
Erdogans Hauptproblem aber war ein anderes: Er hat sich vor ein falsches Publikum gestellt. Der Regierungschef hätte vor Juden, nicht vor „Türken“ sprechen sollen! Nicht bei türkischen Einwandererfamilien, sondern bei uns ist Assimilation eine traurige Realität. Damit ist gemeint: eine radikale kulturelle Angleichung der Minderheit an die Mehrheit – bis hin zur Selbstaufgabe der Identität. Eine solche Assimilation droht allerdings erst dann, wenn zweierlei passiert: Die soziale Integration der Jungen verläuft reibungslos und ein Verbleiben im Kollektiv der Minderheit erscheint nicht mehr attraktiv. Beides ist bei deutschen Juden der Fall, nicht bei ihren türkischstämmigen Mitbürgern.
Es ist längst kein Geheimnis, dass jüngere „russisch“-jüdische Einwanderer kaum Integrationsprobleme haben. Sie studieren, sie finden Arbeit, sie lassen sich in diesem Land nieder und bauen hier ihre Zukunft auf. Im Vergleich zu ihren Altersgenossen aus manch anderen Einwanderergruppen ist ihre Integration ein Erfolg. Wenn jüdische Gemeinden über „Integrationsprobleme“ stöhnen, dann liegt es vor allem daran, dass sie zum Sammelsurium vieler Probleme geworden sind. Diejenigen, die erfolgreich sind, gehen fort. Denn das Band, das junge Juden mit ihren Gemeinden in Deutschland verbindet, ist schwach. Dies liegt primär daran, dass den Einwanderern und vielen Alteingesessenen das Interesse an den religiösen Fundamenten ihrer Gemeinschaft fehlt. Hinzu kommt das mal skandalbehaftete, mal miefig-langweilige Image, das manch eine jüdische Gemeinde ausstrahlt. Dieses Problem wird erkannt, doch es gibt kaum ein strategisches Gegensteuern. Statt jungen Berufsakademikern und Familien die Hand zu reichen, sie durch alters- und familiengerechte Angebote in die Gemeinden zurückzubringen, versinken viele Gemeinden in leitkulturellen Kleinkriegen mit russischsprachigen Senioren! Und die Jungen gehen derweil verloren. Sie assimilieren sich.
Die Aufregung der Deutschen über die Rede Erdogans in der Kölnarena hat sich schon bald nach seinem Auftritt gelegt. Man wandte sich einem viel akuteren Problem zu: der „Integration“ der deutschen Eliten in das hiesige Steuerrechtssystem. Und so wird das Thema Assimilation nur für die jüdische Gemeinschaft in Deutschland aktuell bleiben. Auch dann, wenn es keiner so richtig merkt. Und da wir keine Hannah Arendt oder einen Theodor Adorno unter uns haben, müssen wir wohl auf einen Erdogan warten, der uns an unsere wahren Herausforderungen erinnert.

Der Autor, 32, ist Jurist und Publizist. Er lebt in Berlin.

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