Sühnopfer

Die dunkle Seite der Macht

Schon die Tora wusste: Menschen in höherer Position machen sich häufiger schuldig als andere

Aktualisiert am 16.03.2018, 14:55 – von Rabbinerin Yael DeuselRabbinerin Yael Deusel

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Opfergesetze« – diese Überschrift gibt Rabbiner W. Gunther Plaut (1912–2012) in seinem Torakommentar dem Beginn des 3. Buches Mose, des Buches Wajikra, und damit unserer Parascha.

Einst nannte man das Buch Torat Kohanim, »priesterliche Weisung«. Und tatsächlich beschäftigt sich sein Text über weite Strecken mit Anweisungen zu den unterschiedlichen Opfern im Tempel, aber auch mit kultischer Reinheit, wozu übrigens auch die Speisegesetze gehören, die bis heute für uns Gültigkeit haben.

Ausgerechnet mit diesem Buch begannen jüdische Kinder viele Jahrhunderte lang das Studium der Schrift. Eine Begründung dafür war, dass die »reinen Kinder« zuerst von den Opfern lernen sollten, die in Reinheit dargebracht werden. Aber auch die Erwachsenen beschäftigten sich eingehend mit dem Buch. Nicht von ungefähr sind die Midraschim zu Sefer Wajikra besonders umfangreich.

Propheten Heute ist uns die Vorstellung vom Opferkult fremd geworden. Schon als der Tempel noch stand, wiesen die Propheten darauf hin, dass das Befolgen der ethischen Gebote des Ewigen wichtiger ist als ein noch so schönes rituelles Opfer. Und doch hielt man am Opferdienst fest – bis zur Zerstörung des Heiligtums.

Damals fragten sich die Menschen, wie man denn nun vom Ewigen Vergebung erlangen könne, da es die Möglichkeit des Opferns nicht mehr gab. Jochanan ben Sakkai erklärte seinen Schülern, es gebe dennoch Sühnemittel, die dem Opfer gleichwertig seien. Im Laufe der Zeit hat sich schließlich die Auffassung durchgesetzt, dass das Gebet sogar Vorrang vor dem Opfer habe.

Warum also lesen wir bis zum heutigen Tag diesen Abschnitt, lesen von Ganzopfern, von Speiseopfern, von Freuden- und von Sühnopfern? Archaische Riten sind dort beschrieben, und mancher mag versucht sein, einfach darüber hinwegzulesen. Und doch steht in der Tora kein Wort zu viel. Auch dieser Textabschnitt muss also von bleibender Gültigkeit sein.

vorschriften In der Tat geht es nicht um die Aufzählung von Opfervorschriften, ebenso wenig wie es einst um das Opfern allein um des Ritus willen ging. Die Kernfrage ist vielmehr, warum die Opfer dargebracht wurden. Was bewegte die Menschen, sich auf diese Weise an den Ewigen zu wenden?

Wajikra sagt uns nicht nur, wie der Opferdienst durchzuführen war, sondern auch, in welchen Fällen man verpflichtet war, ein Opfer zu bringen. Besonderes Augenmerk wird dabei auf Fälle gelegt, in denen jemand Schuld auf sich geladen hat, in unterschiedlichen Ausprägungen: absichtlich begangen, versehentlich vorgekommen, und sogar solche Situationen werden erwähnt, in denen man sich nicht sicher ist, ob überhaupt eine Verfehlung vorliegt.

Risiko Dabei wird differenziert, wer der betreffende Schuldige ist. Je höher die gesellschaftliche Stellung, desto stärker ist die Person zu ethischem Handeln verpflichtet. Gleichzeitig steigt aber auch das Risiko, Fehler zu machen, unbeabsichtigt oder gar absichtlich, umso mehr, je verantwortungsvoller die Position ist, die jemand innehat.

Die Tora beschreibt hier vier Kategorien, nämlich den Kohen Hagadol, dann Kol Adat-Jisrael, womit, wie der frühere britische Oberrabbiner Jonathan Sacks sagt, die Volksvertretung jener Zeiten, also der Sanhedrin, gemeint sei. An dritter Stelle kommt der Nasi, ein »Fürst«, respektive ein Mensch in leitender politischer Position, und schließlich der einfache Mensch aus dem Volk.

Unser hebräischer Text verwendet für den Hohepriester, den Sanhedrin und für eine einfache Person die Konjunktion »‘im« (deutsch: »falls«) – also: »falls eine Verfehlung eintritt«. Aber im Falle des Nasi lesen wir in unserer Parascha »ascher« – das heißt: »immer dann, wenn ein Anführer, ein Leiter sich schuldig macht«. Ist es also ein Berufsrisiko für einen Anführer?

jeschurun Der italienische Rabbiner, Philosoph und Arzt Ovadja Sforno (1475–1550) zitiert hierzu Vers 15 aus dem 5. Buch Mose 32: »Da ward feist Jeschurun und schlug aus – du wurdest feist, stark und beleibt.« Und Joseph Hertz, der einstige Oberrabbiner des britischen Commonwealth (1872–1946), bemerkt, der Begriff Jeschurun als Ehrenname für Israel leite sich ab von »jaschar«, deutsch: rechtschaffen. Der Rechtschaffene, Aufrechte läuft also Gefahr, durch die ihm verliehene Macht korrupt zu werden. So besagt es auch ein berühmtes Zitat von Lord Acton (1834–1902). In diesem Fall wäre das Vergehen, was immer es auch sei, eine bewusste Übertretung der Gebote des Ewigen.

Und wenn es nun tatsächlich ein Versehen war, womöglich noch ganz unbemerkt von demjenigen, der es begangen hat? Davon spricht 3. Buch Mose 4, 22–23: »Tut ein Nasi versehentlich etwas, das mit einem Verbot des Ewigen belegt ist, und es wird ihm seine Verfehlung bekannt gemacht ...« – man weist ihn also darauf hin, dass er einen Fehler begangen hat. In diesem Fall hat er ein Sühnopfer zu bringen, nach Vorschrift.

Das aber setzt zwei Dinge voraus: Erstens, dass jemand bereit ist, den Nasi darauf hinzuweisen, und zweitens, dass dieser dann auch bereit ist, sein Fehlverhalten einzugestehen, sich selbst und anderen ge­genüber, denn das Sühnopfer führt er ja nicht allein und im Verborgenen aus.

Zeugen Von der Pflicht, eine Zeugenaussage zu leisten über etwas Unrechtes, das man gesehen oder gehört hat, lesen wir im Kapitel 5 unserer Parascha. Wohlgemerkt geht es hier um Bezeugung von tatsächlichem Unrecht, nicht um Denunziantentum.

Schweigen an der falschen Stelle hilft der Gerechtigkeit nicht und schadet der Gemeinschaft, mag es auch dem Einzelnen zunächst von Nutzen scheinen. Sprechen zum richtigen Zeitpunkt erfordert Mut. Wie viel einfacher ist es doch, sich unwissend zu stellen! Aber auch ein Nasi, der sein unrechtes Verhalten einsieht, braucht hierfür innere Stärke. Niemand ist unfehlbar, und doch meinen manche, was immer sie tun und lassen, sei gerechtfertigt, das komme ihnen um ihrer Machtstellung willen zu.

Wahre Größe aber sieht anders aus. Ein verantwortungsbewusster Nasi ist nicht Herrscher, sondern Diener derer, die seiner Leitung anvertraut sind, auch wenn er ihnen übergeordnet sein mag, und er soll ihnen als moralisches Beispiel dienen. So sagt Jochanan ben Sakkai: »Glücklich ist das Geschlecht, dessen Fürst willens ist, ein Sündopfer für seine Vergehen zu erbringen«, das heißt, öffentlich zu seinem Fehler zu stehen und daraus zu lernen, zum Wohle derer, die ihm unterstellt sind.

Die Autorin ist Rabbinerin der Liberalen Jüdischen Gemeinde Mischkan ha-Tfila Bamberg und Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz.


Inhalt
Der Wochenabschnitt Wajikra steht am Anfang des gleichnamigen dritten Buches der Tora und enthält Anweisungen dazu, wie, wo und von welchen Tieren die verschiedenen Opfer dargebracht werden müssen. Es werden fünf Arten unterschieden: das Brand-, das Schuld-, das Friedens- und das Sühnopfer sowie verschiedene Arten von Speiseopfern.
3. Buch Mose 1,1 – 5,26

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