Jewrovision

»Vielleicht klappt es 2019«

Ein Gespräch mit Nora Goldenbogen aus Dresden über Jugendarbeit, Pläne und mangelndes Geld

01.02.2018 – von Karin VogelsbergKarin Vogelsberg

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Frau Goldenbogen, erstmals findet die
Jewrovision in einem östlichen Bundesland statt, allerdings ohne lokale Beteiligung. Wie wird sich die Jüdische Gemeinde während des Jewrovision-Wochenendes den Teilnehmern präsentieren?

Es werden sicher aufregende Tage. Wir freuen uns, dass dieses Ereignis in Dresden stattfindet, zum ersten Mal überhaupt in Ostdeutschland. Eine Reihe von Kindern und Jugendlichen aus Sachsen nehmen an dem Machane teil und verbringen den Schabbat in der Gemeinschaft. Aus unserer Gemeinde sind etwa ein Dutzend Kinder und Jugendliche dabei. Möglicherweise kommen auch Jugendliche zum Gottesdienst zu uns ins Haus. Außerdem findet am Sonntag hier am Hasenberg die Direktoriumssitzung des Zentralrats der Juden in Deutschland statt.

Woran liegt es, dass keine Gruppe aus einer ostdeutschen Gemeinde bei der Jewrovision auftritt?
Unsere Gemeinden sind durchweg klein. Und das bedeutet, wir haben größere Probleme, ein Kunst- und Kulturprogramm auf die Beine zu stellen. Zum einen haben wir nicht so viele Kinder und Jugendliche in der Altersgruppe von zehn bis 19. In der Dresdner Gemeinde sind es etwa 40. Vor allem aber fehlt es bisher an der kontinuierlichen Jugendarbeit.

Aber aus den übrigen Bundesländern treten auch sehr kleine Gemeinden auf oder tun sich zusammen.
Was ich von der Jewrovision gesehen habe, war sehr professionell. Da können wir derzeit nicht mithalten. Unsere drei sächsischen Gemeinden haben einfach nicht das Geld, eine professionelle Kraft einzustellen. Und ich fände für eine Gruppe nichts trauriger, als ohne gute Vorbereitung zur Jewrovision geschickt zu werden und dann auf dem letzten Platz zu landen.

Wie sieht denn die Jugendarbeit in den sächsischen Gemeinden derzeit aus?
In jeder Gemeinde läuft etwas: In Chemnitz gibt es den jüdischen Kindergarten, in unserer Gemeinde ist zum Beispiel der Kinderchor sehr aktiv. Die Kinder treten oft in der Stadt auf, auch in der Staatsoperette. Es gibt gemeindeübergreifende Aktivitäten wie Machanot oder Ausflüge zu jüdischen Gemeinden nach Sachsen-Anhalt oder Thüringen. Diesen Sommer feiern wir in Dresden ein großes Familienfest für alle jüdischen Gemeinden aus Sachsen. Kurz: Es gibt viele Projekte, aber es fehlt die Konstante.

Wie gut nehmen die jungen Leute die Gemeindeangebote an?
In allen sächsischen Gemeinden gibt es Gruppen, die sehr aktiv sind. Doch an diejenigen heranzukommen, die man nie in der Gemeinde sieht, ist harte Arbeit. Das funktioniert nur über die Eltern, und manche möchten nicht einmal, dass sie einen Brief erhalten, der erkennbar von der Jüdischen Gemeinde kommt. Da gibt es Ängste, auf die wir Rücksicht nehmen müssen. Wir brauchen Eltern, die ihre Kinder ermutigen, die Angebote der Gemeinde zu nutzen. Aber es geht nicht nur darum, dass die Gemeinde etwas bietet, ein großer Anreiz ist auch, Gleichaltrige zu treffen.

Und da fehlt es dann an genügend Partnern?
Ja, wir haben in allen drei sächsischen Gemeinden festgestellt, dass die Jugendarbeit in Wellen verläuft: Mal hat man ein Hoch, aber dann kommen diese jungen Leute in das Alter, wo sie Abitur machen und ein Studium beginnen, und dann sind sie weg, sodass man wieder von Neuem um Nachwuchs werben muss.

Sind Sie auf Landesverbandsebene nicht dennoch traurig, dass die Jewrovision ohne lokale Teilnehmer über die Bühne geht?
Natürlich! Wir sind darüber nicht glücklich. Die Jugendarbeit ist im Landesverband nicht erst seit der Jewrovision ein Thema, aber der Song Contest ist ein Anreiz, neu darüber nachzudenken. Wir brauchen eine professionelle Kraft aus unseren Reihen, die in den drei sächsischen Gemeinden die Jugendarbeit vor allem im Hinblick auf Kunst und Kultur in die Hand nimmt. Ich bin dagegen, dass wir so etwas nur als Projekt betrachten, denn dahinter steckt eine aufwendige Arbeit für mehrere Jahre. Und diese Arbeit muss entsprechend bezahlt werden. Das muss man als Gemeinde und als Landesverband stemmen.

Das heißt, Sie haben schlichtweg zu wenig Geld?
Jugendarbeit ist nicht nur ein schönes und idealistisches Ziel: Man muss in sie investieren. Ich hoffe, dass wir das hinkriegen, damit wir 2019 oder 2020 auch ein sächsisches Jewrovision-Team an den Start schicken können.

Was brauchen Sie darüber hinaus, damit das gelingt?
Das Potenzial bei den Kindern ist vorhanden, es gibt in unseren Reihen viele junge Sänger, Schauspieler und Musiker. Fachliche Unterstützung können wir sicher gebrauchen, obwohl wir bereits Kontakte haben. In der russischsprachigen Gemeinschaft gibt es Vereine, die auf hohem Niveau im Bereich Kunst und Kultur mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Doch in erster Linie brauchen wir finanzielle Unterstützung. Jugendarbeit ist genauso wichtig wie Sozialarbeit, nur gibt es dafür längst nicht so viele Zuwendungen.

Werden Sie selbst am 10. Februar die Jewrovision besuchen?
Ja, ich gehe auf jeden Fall hin, das ist für mich eine Premiere. Und ich hoffe, dass die Show die jungen Leute aus Sachsen so sehr begeistert, dass sie sagen: Wir wollen auch so etwas auf die Beine stellen.

Mit der Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde zu Dresden und des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden sprach Karin Vogelsberg.

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