Frankreich

Zwischen Furcht und Normalität

Die gewalttätigen Angriffe gegen die jüdische Gemeinde reißen nicht ab

18.01.2018 – von Ute CohenUte Cohen

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Eine Kalaschnikow-Kugel im Brief, die Misshandlung und Tötung einer Rentnerin, Geiselnahmen im Vorstadt-Bungalow – die Angriffe gegen Frankreichs Juden reißen nicht ab. Genau drei Jahre nach dem Terroranschlag auf einen jüdischen Supermarkt gab es gerade in den vergangenen Wochen weitere Angriffe: Im nördlichen Pariser Vorort Sarcelles attackiert ein Mann ein 15-jähriges jüdisches Mädchen mit einem Messer.

Nur wenige Kilometer entfernt, im südöstlich von Paris gelegenen Créteil, wird ein Koscher-Discounter mit Hakenkreuzen besprüht und kurz darauf bei einem Brandanschlag schwer beschädigt.

Inzwischen sprechen manche von der »dritten Welle«. Mit einer Wucht trifft sie das Land, verstört und vernichtet. Nach einer rechtsradikalen Anschlagsserie in den 90er-Jahren, die sich gegen Juden und Muslime richtete, einer propalästinensisch-links geprägten zwischen der ersten und zweiten Intifada plagt nun seit einigen Jahren eine dritte Welle des Antisemitismus das Land der Freiheit und der Toleranz: der Terror eines radikalen Islam.

Banlieues Kaum schien die Gefahr einer existenziellen Bedrohung französischer Juden durch Rechtsradikalismus gebannt – Front-National-Chefin Marine Le Pen schlug moderatere Töne an als ihr Vater Jean-Marie –, keimte eine neue Gefahr auf. Perspektivlose, resignierte, moralisch haltlose Jugendliche aus den Banlieues, recht- und gesetzlosen Vorstädten, ließen, befeuert vom Islamischen Staat und hetzerischen Imamen, ihrer Judenfeindlichkeit freien Lauf.

Die Folgen sind bekannt: mörderische Attentate, Angriffe, diffamierende Parolen. Die jüdische Bevölkerung war in Aufruhr, die Zeiten standen erneut im Zeichen der Angst. Nach einem panikartigen Exodus, der Auswanderung von mehr als 240 Familien zwischen 2013 und 2016 nach Israel, beruhigte sich die Situation erst nach sachlicher Analyse und konsequenten staatlichen Sicherheitsmaßnahmen.

Wie aber lebt es sich in einem Land, in dem man permanent wachsam sein muss und wo die Unbeschwertheit wegen brutaler Attacken auf absehbare Zeit dahin ist?

»Jüdisch zu leben, wird immer schwieriger«, sagt Gérard Berrebi. Der schmale 58-Jährige, französischer Jude mit tunesischen Wurzeln, sitzt mit seiner Frau und den drei Söhnen in seinem Wohnzimmer. Berrebi ist Schlosser, hat sich in Paris ein florierendes Schlüsseldienstunternehmen aufgebaut, seine Frau, Evelyne arbeitet an der Universität, die Söhne studieren. In manchen Vierteln wage er die Kippa nicht mehr zu tragen, sagt Berrebi, der Staat habe rechtsfreie Räume geschaffen. Und die Presse fördere durch anti­israelische Kommentare einen offensiv feindseligen Umgang mit jüdischen Bürgern. Sobald er in Rente gehe, werde er mit seiner Frau nach Israel auswandern.

Die Söhne hingegen sehen ihre Zukunft in Frankreich, oder sie planen internationale Karrieren. Dass der Antisemitismus zugenommen hat, nehmen auch sie wahr. Doch empfinden sie die Gefahr nicht als so groß wie die Elterngeneration. Die ist zwar mit gängigen antisemitischen Stereotypen aufgewachsen, begreift aber den is­lamisti­schen Terror durchaus als existenzielle Verunsicherung.

Werte Etwas weniger pes­simistisch wirkt die über 80-jährige Mireille Cohen-Ganouna. Ihr verstorbener Mann war, so wie Gérard Berrebi, ein sefardischer Jude mit tunesischen Wurzeln. Er heiratete Mireille, die ostfranzösische Katholikin, die zum Judentum übertrat.

Assimilation genoss oberste Priorität bei der ersten Generation der eingewanderten Juden aus dem Maghreb. Ein Patriot sei ihr Mann gewesen – ein Citoyen, der an die Werte Frankreichs geglaubt habe, sagt Mireille Cohen-Ganouna. Mittels Bildung habe er sich selbst und seinen Kindern den Aufstieg in der Gesellschaft ermöglicht.

Dass der 2015 Verstorbene noch die Attentate auf das Satiremagazin »Charlie Hebdo« und den jüdischen Supermarkt Hyper Cacher habe miterleben müssen, schmerze sie. Vielleicht, meint sie, sollte man sich die Zeiten in Erinnerung rufen, als in einem tunesischen Dorf Araber und Juden gemeinsam bei einem Teller Couscous ihre Probleme regelten.

zukunft Den Gedanken, dass es dieses friedliche Zusammenleben einst gegeben hat, empfinden viele französische Juden als tröstlich. Doch wie die eigene Zukunft aussehen könnte, darüber gehen die Meinungen weit auseinander.

Ist die Auswanderung nach Israel die Lösung? Oder wäre es doch eher ein Arrangement in Frankreich? Man muss nicht zum negativen Denken neigen, wenn man an der Chance einer gemeinsamen Zukunft von Juden und Muslimen in Frankreich Zweifel hegt. Die Lage ist ernst.

Dass erst die »Operation Sentinelle«, die Ausweitung des Anti-Terror-Plans »Vigipirate«, zu einer Verringerung der antisemitischen Gewalt führte (minus 56 Prozent 2016 im Vergleich zum Vorjahr), zeigt, dass Sicherheit der Dreh- und Angelpunkt einer Lösungsstrategie ist.

An zweiter Stelle, meinen viele, sollte in der Mehrheitsgesellschaft die Einsicht folgen, dass die Bedrohung jüdischen Lebens auch eine Bedrohung des Staates ist. Denn die Missachtung staatlicher Autorität zieht die Gefährdung von Minderheiten nach sich.

Die französisch-jüdische Philosophin und Aktivistin Elisabeth Badinter ruft deshalb im­mer wieder zur Solidarität auf: »Lasst die Juden den Kampf gegen Antisemitismus nicht allein ausfechten!«

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