Rostock

Friedhof statt Kindergarten

Die Gemeinde leidet an Überalterung – und hat dennoch viele Pläne

18.01.2018 – von Renate Heusch-LahlRenate Heusch-Lahl

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Wie andere Familienväter muss auch Juri Rosov seine Kinder ziehen lassen. Nicht ohne Stolz erzählt der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Rostock, dass seine Tochter Marina in Saarbrücken als Lehrerin für Deutsch und Englisch arbeitet. Die 31-Jährige ist glücklich, als Migrantin Deutsch zu unterrichten. Aber eben weit weg von der zweiten Heimat Rostock, wohin die Familie vor 20 Jahren – aus der Ukraine kommend – zog.

»Wir zählen immer mehr ältere Menschen in unserer Gemeinde und immer weniger Kinder«, bedauert der 57-jährige Rosov. Das älteste Gemeindemitglied zählt 102 Jahre, die Dame ist weitläufig verwandt mit dem jüngsten Nachwuchs Jonathan, der wurde vor drei Monaten geboren wurde.

»Die Überalterung hat uns hart getroffen«, sagt Rosov. Viele junge Familienangehörige kommen nur noch aus nah und fern zu Besuch in die Hansestadt und in die Gemeinde. »Aber es ist auch spannend, zu sehen, was sie erreichen.« Und, fügt er lächelnd hinzu, »viele Pastoren sagen mir, dass es ihnen in ihren Gemeinden genauso geht«.

Sonntagsschule
Sonntags ist das Gemeindehaus voll von Kindern. Neben der Sonntagsschule des Rabbiners werden Musik, ein Malkurs und Schach angeboten. Auch Russischunterricht gehört inzwischen dazu. »Das war bis vor Kurzem unvorstellbar. Aber viele Eltern möchten, dass ihre Kinder zweisprachig aufwachsen«, sagt der gebürtige Ukrainer.

Etwa zehn Sterbefälle zählt die Gemeinde jährlich, die 580 Mitglieder hat. Der bisherige Friedhof wird zu klein. Daher bekommt die Jüdische Gemeinde ein neues Gräberfeld auf dem Rostocker Westfriedhof. Bereits vor zwei Jahren hat die Hansestadt das 3000 Quadratmeter große Grundstück an die Gemeinde übertragen. »Es ist umzäunt und vorbereitet. Es steht also zur Verfügung für Beisetzungen«, sagt Rosov.

Zudem entsteht auch eine Trauerhalle. »Es wird kein richtiges Gebäude, sondern ein Konstrukt aus verschiedenen Mo­dulen. Da das Haus sehr abgelegen liegt, muss es auch mit Metallmarkisen gesichert werden.« Die Rostocker Landschaftsarchitek­tin Birgit Schrenk hat die Gestaltung übernommen. »Eine wirklich spannende Aufgabe, über deren Beauftragung wir uns sehr gefreut haben.«

Der Trauerpavillon soll mit einem Dach, das von Stelzen getragen wird, sehr luftig gestaltet und lediglich an hiesige Wetterverhältnisse angepasst werden. »Wir haben als Standort zwei Varianten vorgeschlagen. Beide wollen den Pavillon mit einer kleinen Platzfläche umgeben, die Sitzmöglichkeiten und einen Brunnen erhält. Von dort aus sollen die Wegeachsen in den Friedhof entspringen«, erzählt die Rostockerin.

Spätestens im Sommer soll der Bau stehen, der anteilig vom Land Mecklenburg-Vorpommern und dem Zentralrat der Juden in Deutschland finanziert wird. Einen kleinen Beitrag steuert auch die Rostocker Jüdische Gemeinde bei.

Esther-Rolle Ein weiterer Höhepunkt im Jahr 2018 soll das Purimfest am 1. März werden. Dann erhält die Gemeinde die neue Esther-Rolle. Als Rabbiner Yuriy Kadnykov auf einer Sitzung des Rostocker Synagogenfördervereins vor zwei Jahren die Anschaffung einer Esther-Rolle für die Rostocker Gemeinde vorschlug, konnte niemand ahnen, dass dieses Vorhaben alsbald in Angriff genommen werden sollte. Eine großzügige anonyme Spende ermöglichte es, den Kauf und das Beschriften des notwendigen Pergaments in Auftrag zu geben. Feierlich vorgestellt wurde es bei der Purimfeier im Februar 2016.

Purim ist bekanntlich ein sehr ausgelassenes Fest, und so verwundert es nicht, dass auch das dazugehörige Buch in besonderer Form gestaltet werden darf. Juri Rosov ist begeistert: »Wir erhalten durch die ornamenthafte Gestaltung der Esther-Rolle ein individuelles und absolut einzigartiges Kunstwerk, das es so nur in Rostock gibt.«

Künstler Der Kunstverein zu Rostock begeisterte interessierte Künstlerinnen oder Künstler, die an diesem einzigartigen Projekt mitwirken wollten. Barbara Kinzelbach, Maria Raeuber, Wolfgang Friedrich, Christoph Chciuk und Matthias Dettmann nahmen die Herausforderung schließlich an und erschlossen die für sie völlig neue Thematik. Wolfgang Friedrich stellte zunächst den Entwurf der kunstvollen Hülle vor. Zur Purimfeier 2017 folgten erste Skizzen und Entwürfe der Illustrationen.

Im November vergangenen Jahres durf­ten Yuriy Kadnykov, Juri Rosov und Tilman Jeremias von der Gemeinde den fertigen Gesamtentwurf sehen. In den Räumen des Kunstvereins erwartete sie die ausgebreitete Esther-Rolle noch als Eins-zu-eins-Kopie des wertvollen Pergaments. Die letzte Schwierigkeit liegt nun darin, die reichen, farbenfrohen Darstellungen der Esther-Geschichte mit Schellacktusche auf das alte, leicht unebene Pergament zu übertragen.

Stadtgesellschaft »Mein oberstes Ziel für die Jüdische Gemeinde ist es, Teil der Rostocker Zivilgesellschaft zu sein und Berührungsängste abzubauen«, sagt Rosov. Da sei man ein gutes Stück vorangekommen. »Besonders eignet sich dafür Kultur«, findet er. Mit vielen Kooperationspartnern führe man daher jährlich die Jüdischen Kulturtage in Rostock durch. In diesem Jahr finden sie vom 14. Oktober bis zum 4. November statt. Die Palette ist bunt und reicht von Musik und Theater bis hin zu Lesungen und Ausstellungen. »Mir liegt die Verbindung zu verschiedenen Kulturen besonders am Herzen«, sagt Rosov. So freut er sich auf einen israelisch-iranischen Musiker oder auf eine russisch-jüdische-arabische Disko. »Wir leben in einer Zeit, in der man sich nicht nur in einer Kultur verschließen darf.«

Daher war es für ihn ein logischer Schritt, als er sich vor acht Jahren entschloss, sich auch im Rostocker Migrantenrat zu engagieren. »Ich konnte ja nicht ahnen, dass ich gleich zum Vorsitzenden gewählt werde«, sagt Rosov und lacht. »Wir sind ein Teil der Migrantengesellschaft, und es ist wichtig, sich auf das gleiche Niveau mit anderen Migranten zu begeben.« Viele andere Migrantengruppen hätten es viel schwerer als die jüdischen Gemeindemitglieder.

Kontakte Über die Jahre habe man die Kontakte untereinander verbessert. »Meine Mitglieder haben keine Angst mehr, wenn Menschen aus der islamischen Gemeinde zu uns kommen«, freut sich Rosov. Seine Botschaft sei klar. »Wer selbst rassistisch ist, kann sich nicht über andere Rassisten beklagen.«

Auch die Beziehung zur Rostocker Stadtverwaltung lobt Rosov. »Ich habe immer das Gefühl, dass man uns offen begegnet und versucht, für alle Fragen eine Lösung zu finden.« Er bedauert es, dass viele jüdische Gemeinden im Westen ein negatives Bild von Rostock hätten. »Das stimmt nicht«, betont der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Rostock. Aber einen Wunsch hat er dann doch: »Ich hoffe, dass in 20 Jahren ein jüdischer Kindergarten in Rostock Realität wird.«

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