Porträt der Woche

Die Rückkehrerin

Jacqueline Jürgenliemk ist Psychotherapeutin und gründete eine liberale Gemeinde

18.01.2018 – von Gerhard Haase-HindenbergGerhard Haase-Hindenberg

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Mein Vater war Kinderarzt in Mannheim, wo ich geboren wurde. Er ist kein Jude, und die Geschichte meiner jüdischen Mutter ist eine sehr spezielle. Während meiner Kindheit hat sie ihr Jüdischsein nach außen hin nie gezeigt, und es wurde auch nicht darüber gesprochen. Meine jüngere Schwester und ich sind getauft worden, weil das mein protestantischer Vater so wollte, ansonsten gab es kein religiöses Leben in unserer Familie.

Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, dass es einige Tabus bei uns gibt. Später habe ich nach und nach herausgefunden, woran eigentlich nicht gerührt werden sollte. Meine Mutter hatte einen jüdischen Vater, der sich während der Schoa in Hamburg das Leben genommen hat. Er hatte die Hoffnung, dass so seine Frau und seine Tochter unbehelligt bleiben würden, was nicht der Fall war. Meine Großmutter konnte zwar ihren Mädchennamen wieder annehmen, aber meine damals noch jugendliche Mutter musste sich an verschiedenen Orten in Schleswig-Holstein verstecken.

Zeitpunkt Das aber habe ich alles erst erfahren, als meine Konfirmation anstand. Für mich hatte sich zu diesem Zeitpunkt unbewusst bereits etwas abgespielt, sodass ich gar nicht mehr konfirmiert werden wollte. Irgendetwas stimmte damit für mich nicht. Also habe ich zu fragen begonnen und peu à peu einen Teil der Geschichte meiner Mutter und ihrer Familie erfahren.

Ich fand heraus, dass meine patrilinear jüdisch geborene Mutter unmittelbar nach dem Krieg im DP-Camp von Bergen-Belsen zur Religion ihres Vaters konvertiert war. Sie ist seit 1949 Mitglied der jüdischen Gemeinde in Hamburg gewesen, war aber von orthodoxer Seite nie akzeptiert worden. So hat sie trotz der Konversion lange nicht ins Judentum gefunden.

Inzwischen kenne ich die Geschichte unserer Vorfahren, nachdem auch ein Familienstammbuch auf Hebräisch aufgetaucht ist. Demnach lebten diese Vorfahren in Litauen und waren Lurie, gehörten also zu einem der ältesten jüdischen Geschlechter. Mein Großvater war der Erste, der Litauen verlassen hatte, um in St. Petersburg Zahnmedizin zu studieren und sich dann in Hamburg niederzulassen.

feminismus Ich ließ mich also nicht konfirmieren, und nach meinem Abitur geschah etwas, das ebenfalls aus dem Unbewussten rührte, nämlich die Beschäftigung mit Religion. Ohne zu wissen, was ich damit einmal anfangen sollte, begann ich, in Heidelberg evangelische Theologie zu studieren. Während des Studiums habe ich Hebräisch gelernt und mich sehr stark auf die Hebräische Bibel konzentriert. Ich habe auch Seminare bei Micha Brumlik an der Hochschule für Jüdische Studien belegt, aber die Frage, was ich mit dem Judentum zu tun habe, war für mich noch immer ungeklärt.

Für meine Abschlussarbeit habe ich mir das Thema »Antijudaismus in der feministischen Theologie« gewählt, die ja sehr auf den patriarchalen Gott der Hebräischen Bibel fokussiert war. Dabei fand ich heraus, dass eine bestimmte Richtung innerhalb der feministischen Theologie an uralte Vorurteile angedockt hatte. Gleichzeitig lernte ich auch Texte jüdischer Feministinnen wie etwa die von Susannah Heschel kennen, die ganz andere Fragen in Bezug auf die Tora aufwarfen: Wie stark sind Frauen in der Tora? Was ist mit diesen Frauen und ihren Texten passiert? Warum landet die Prophetin Miriam, die von einigen Feministinnen zur »Priesterin« erklärt wurde, unvermittelt in einem Textabschnitt der Tora?

Das alles hat mich unglaublich fasziniert. Nach meinem Studienabschluss ge­­riet ich in die berufliche Nichtvermittelbarkeit, denn ohne Konfirmation konnte ich nicht als Theologin im kirchlichen Dienst arbeiten. Aber das wollte ich ja auch nicht. Schließlich machte ich eine Ausbildung zur Psychotherapeutin.

Nun erst habe ich begonnen, mich psychologisch mit Fragen zu beschäftigen wie: Was machen solche Wurzellosigkeiten und gebrochenen Stränge, wie ich sie in der Familie erlebt habe, mit uns, den Nachgeborenen? Auf welcher Suche befinde ich mich eigentlich?

verbindung Bei der Beantwortung dieser Fragen hat mir das Gespräch mit jenem nichtjüdischen Mann geholfen, den ich auf einer Psychothera­peuten-Tagung kennengelernt und schließlich geheiratet habe. Durch ihn bin ich 1993 nach Göttingen gekommen, wo bereits eine kleine jüdische Gruppe existierte, die sich regelmäßig zum Kabbalat Schabbat traf.

Über Freunde hatte ich Kontakt zu Eva Tichauer Moritz bekommen, die eine der Initiatorinnen gewesen ist. Hier fand erstmals eine Verbindung statt zwischen dem, was ich vom Judentum meiner Familie wusste, und Leuten, die mir sagten: »Du bist Jüdin!« Durch die Übertrittsurkunde meiner Mutter, die ich in Hamburg im Archiv der Jüdischen Gemeinde gefunden hatte, war meine halachisch jüdische Herkunft nachgewiesen.

Rabbiner Brandt hat mich als »Rückkehrerin« auch formal ins Judentum aufgenommen, was zu einigen Schwierigkeiten mit meinem damaligen Arbeitgeber, der Diakonie, führte. Dort hat man meine Entwicklung gar nicht gerne gesehen. Ich habe mich dann als Therapeutin selbstständig gemacht und parallel eine Ausbildung zur Supervisorin absolviert.

Ukraine Im Jahr 1994 hat unsere Gruppe festgestellt, dass die Jüdische Gemeinde Göttingen nie aus dem Vereinsregister gestrichen wurde, sie musste also nur wiederbelebt werden. Durch den Zuzug von jüdischen Kontingentflüchtlingen aus Russland und der Ukraine hatten wir in den 90er-Jahren plötzlich über 200 Mitglieder. Viele mussten wie ich eine Menge über unsere Religion lernen, wofür wir Religionslehrer einluden, die uns unterrichteten. Schließlich waren nur ganz wenige von uns jüdisch aufgewachsen.

Seit dem Jahr 2000 bin ich immer mit irgendetwas in der Gemeinde beschäftigt gewesen, von der Bürotätigkeit bis hin zum Aufbau einer Kindergruppe. 2006 wurde ich Vorsitzende unserer Gemeinde. Seit neun Jahren leben auch meine Eltern in Göttingen. Meine Mutter hat über diese Gemeinde zurück zum Judentum gefunden, im Gegensatz zu meiner Schwester, die evangelisch blieb. Meine Familie nahm an den Konfirmationsfeiern meiner Nichten und Neffen teil, und sie kamen zur Batmizwa meiner Tochter Lou und zur Barmizwa meines Sohnes Jakob.

Schließlich hatten meine beiden Kinder, auch mit Einverständnis meines Mannes, das Privileg einer jüdischen Erziehung genossen, was mir nicht vergönnt war. Inzwischen hat Lou ein Jahr in einem Kibbuz in Israel verbracht, und einmal im Monat leiten die beiden zusammen mit anderen Jugendlichen und den Kleineren einen Kabbalat Schabbat, was ein wunderbar lebendiger Gottesdienst ist.

Wenn man über die jüdische Gemeinschaft in Göttingen spricht, so muss leider auch von einer Spaltung berichtet werden. Bereits in den 90er-Jahren gab es in­haltliche Auseinandersetzungen darüber, welche religiöse Richtung wir weiter verfolgen wollen. In unserer Mitgliederversammlung gab es einen Mehrheitsbeschluss, dass wir uns der Union progressiver Juden anschließen. Der damalige Vorstand aber hätte es gerne gesehen, dass wir uns der konservativen Richtung zuwenden, und wollte folglich die Mitgliederentscheidung nicht mittragen.

haussynagoge Das führte zu der Konsequenz, dass eine Gruppe um die einstige Vorsitzende Eva Tichauer Moritz eine eigene Gemeinde gründete. Interessanterweise hat es hier in Göttingen einen solchen Bruch vor der Schoa schon einmal gegeben. Damals hatte sich eine orthodoxe Gruppe von der liberalen Gemeinschaft abgespalten und im »Haus Löwenstein« eine kleine Haussynagoge eingerichtet. Zufällig befindet sich heute die andere Gemeinde wieder genau in diesem Gebäude. Da wiederholt sich Göttinger jüdische Geschichte.

Mittlerweile pflegen wir ein friedliches Nebeneinander. Wir betreiben den jüdischen Friedhof gemeinsam, und wenn wir um Grußworte gebeten werden, so sprechen Frau Tichauer Moritz und ich einander ab. Gelegentlich sitzen wir auch auf interreligiösen Veranstaltungen friedfertig nebeneinander auf dem Podium. Ich habe gelernt, dass auch das zum Judentum gehört. Aufgezeichnet von Gerhard Ha

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