Porträt der Woche

»Wir wurden hier erwachsen«

Marina Schkljar ist Klavierlehrerin und unterrichtete früher in Minsk

11.01.2018 – von Matilda Jordanova-DudaMatilda Jordanova-Duda

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Die Woche beginnt für mich mit dem Hawdala-Ritual, das den Schabbat vom Alltäglichen trennt. Sonntags unterrichte ich im Kölner Kultur- und Integrationszentrum »Phoenix« Klavier und schaue mich nach neuen Materialien für meine Musikschüler im Internet um. Montag und Dienstag sind Tage intensiver Arbeit – ich unterrichte bis spätabends, weil die Kinder erst nach der Schule Klavier lernen können. Deshalb freue ich mich immer, wenn die Familie mich mit einem Abendessen erwartet, das ich nicht kochen musste.

Ich lese gern, es bleibt mir aber wenig Zeit dafür. Abends setze ich mich noch an den Computer, um die Dienstpost zu erledigen. Dafür ist der Mittwoch mein persönlicher Feiertag. Ich nehme mir Zeit für mich und mache kleine Reisen, besuche Konzerte und Ausstellungen oder gehe einfach shoppen. Dieser übliche Wochenrhythmus wurde im Frühjahr allerdings erheblich gestört, weil mein Mann Igor sich als Gemeindevertreter zur Wahl stellte.

Flyer Es gab 28 Kandidaten, und sie machten ernsthaften Wahlkampf. Ich hatte keinen freien Mittwoch mehr, weil ich meinem Mann dabei half. Wir gestalteten Flyer und organisierten Veranstaltungen, um den Mitgliedern zu erklären, was wir ändern wollen. Doch am 21. Mai wurde Igor gewählt. Als Geschenk an uns selbst sind wir nach Israel gereist.

Die Synagogengemeinde hat schon immer eine wichtige Rolle in unserem Leben gespielt. Das Wissen, dass es sie gibt und sie einem bei der Integration hilft, hat uns die Angst genommen, auszuwandern. Wir zogen 2003 aus Weißrussland nach Deutschland. Es schien uns damals eine gute Lösung, aber es war komplizierter, als wir erwartet hatten. Wir, die in der ehemaligen UdSSR Geborenen, sind ein bisschen infantil: Unser ganzes Leben lang wurden uns alle Entscheidungen abgenommen – wohin zur Schule, wo studieren, wo wohnen, was arbeiten. Nur wenige waren von Natur aus aktiv und versuchten, etwas zu erreichen. Wir dachten, hier wird es so weitergehen. Aber wir mussten erwachsen werden.

schüler Am Beispiel meiner Arbeit lassen sich die Unterschiede gut erklären. Ich habe in Minsk an einer großen Musikschule gearbeitet. Allein Klavierlehrer gab es dort 50, und wir haben von morgens bis abends unterrichtet. Wir mussten uns weder darum kümmern, Schüler zu finden, noch darum, Auftritte zu organisieren. In Köln arbeite ich in der Musikschule Emotio und im Phoenix, zudem habe ich mehrere Privatschüler. Zum Glück ist es in Köln nicht schwer, Schüler zu finden: Hier ist die Kulturszene groß, es gibt öfter Konzerte und natürlich die Philharmonie.

In Weißrussland hatten die Schüler eine Reihe von Pflichtfächern neben ihrem Instrument, etwa Musiktheorie. Hier melden die Eltern ihre Kinder für eine halbe Stunde pro Woche an: In dieser Zeit sollen wir ihnen Theorie beibringen, Klavier lehren und auch noch die Geschichte der Musik erklären. Das erfordert ganz andere Methoden. Ich musste mich in deutsche Handbücher für Anfänger einlesen und vereinfachtes Notenmaterial besorgen. Damit können auch die Kleinsten schon Mozart oder Beethoven spielen. Ich tue mich zwar schwer damit, aber warum eigentlich nicht?

Immerhin bekommen die Kinder so eine Ahnung von der Harmonie der großen Genies. Viel Lust zu üben haben die Kinder hier allerdings nicht. Früher in Weißrussland taten sie das, was der Pädagoge ihnen auftrug, heute müssen wir unser Repertoire danach aussuchen, was die Kids mögen. Und das ist oft Pop. Nun, ich bin schon seit zehn Jahren in der Branche und weiß inzwischen, wie es läuft.

Klezmer
Rückblickend kann ich behaupten, dass ich die Chancen, die mir zur Verfügung standen, maximal genutzt habe. Im Gegensatz zu vielen anderen arbeite ich schließlich in meinem Beruf. Das verdanke ich unter anderem meiner Tochter. Als sie klein war, habe ich sie in ihre Musikschule begleitet und mit ihr geübt. Dadurch habe ich Kontakte geknüpft. Ihretwegen bin ich auch zur Klezmer-Akademie gegangen. Den damaligen Leitern Igor und Natalia Epstein und den Lehrern bin ich sehr dankbar, denn sie haben mich in das hiesige System der Musikausbildung eingeführt. Das hat mich mehr integriert als alle Sprachkurse.

Mein Mann begann schon in Minsk, nach der jüdischen Tradition zu leben. Obwohl ich von Geburt keine Jüdin bin, haben wir immer die Kaschrut und den Schabbat gehalten. Deswegen war es für mich folgerichtig und eine reine Formalität, zu konvertieren. Die Entscheidung, offiziell zum Judentum überzutreten, habe ich bereits 2003 getroffen. Zehn Jahre später wurde ich vom Beit Din geprüft.

Zur Vorbereitung habe ich die Kurse in der Synagogen-Gemeinde besucht. Ich kann nur sagen, die Lektionen unseres damaligen Rabbiners Jaron Engelmayer waren sehr lehrreich und spannend. Die Richter des Beit Din entscheiden nicht nur, ob man das Judentum gut kennt, sondern auch, ob der Mensch wirklich bereit ist, fortan nach den Geboten zu leben. Sie müssen sozusagen in die Zukunft sehen und die Motive durchschauen können. Die Fragen berühren einige der intimsten Seiten des Lebens. Manche sind einfach zu beantworten, andere sind heikel.

Arrangement Zudem beobachten Betreuer aus der Gemeinde vor dem Examen unser Familienleben. Doch die Einstellung mir gegenüber war freundlich. Schließlich ist mein Mann regelmäßig in der Synagoge, und auch ich bin dort nicht unbekannt. Früher, als unsere Tochter klein war, organisierte ich bei der Gemeinde ein Kinderensemble für jüdische Lieder. Ich habe die kindgerechten Arrangements selbst gemacht und lernte dabei viel über die jüdische Musikkultur. Die Seele eines Volkes, sein Temperament und seine Mentalität kann man meiner Meinung nach am besten über seine Musik begreifen.

Wenn meine Schüler samstags einen Auftritt haben, kann ich wegen des Schabbats nicht dabei sein. Mein Mann und ich haben nur dann unsere Tochter begleitet, wenn sie bei einem Konzert spielte. Dann sind wir zu Fuß hingegangen. Natürlich macht es das Leben komplizierter, andererseits wird das von den Kollegen und den Eltern respektiert. Ich kann auch an jüdischen Feiertagen Urlaub nehmen, und mein Kind wird vom Unterricht befreit.

Meine Unterrichtsstunden lege ich so, dass ich freitags mit den Vorbereitungen zum Schabbat anfangen kann. Ich koche ein Festessen, dann setzen wir uns an den schön gedeckten Tisch und unterhalten uns. Fernsehen und Telefon sind verboten. Das ist sehr angenehm, denn so haben wir Zeit für uns. An anderen Tagen schleppt unsere Tochter das Essen zu sich ins Zimmer wie eine Maus in ihr Loch und isst alleine, umgeben von all ihren elektronischen Geräten.

seelenverwandte Unsere Tochter haben wir in dem Geiste erzogen, selbstbewusst zu sein, sich nicht zu verstecken und ihre Umgebung nicht nachzuahmen. Ihre Mitschüler wissen, dass sie Jüdin ist, die Religionsschule besucht, aus der ehemaligen Sowjetunion stammt und dass ihr Opa Kommunist war. Das respektieren sie. Es gab nur einmal Mobbing im Gymnasium. Aber nachdem ich mit dem Klassenlehrer gesprochen habe, wurde das schnell beendet. Mein Mann sagt immer, es ist schlecht, wenn ein Jude nicht diskriminiert wird. Denn so ist es zu leicht, sich zu assimilieren. Die Diskriminierung zwingt einen, um sein Leben zu kämpfen, hält den Tonus hoch.

Ich muss sagen, diese Einstellung hat mich einst zu Igor hingezogen. Ich war ein Mädchen aus gutem Hause: Mein Vater war Parteivorsitzender in der Stadt Muzyr – vor dem Zweiten Weltkrieg ein typisches Schtetl mit vorwiegend jüdischer Bevölkerung. Nach dem Krieg waren nicht viele übrig. Igors Vorfahren lebten dort seit Generationen, seine Eltern konnten besser Jiddisch als Russisch. Er hat seine Herkunft nie verleugnet, was in der Sowjetunion ungewöhnlich war. Er nahm alle Nachteile in Kauf und war sogar stolz darauf. Von ihm habe ich viel über das Judentum erfahren. Ich habe ihn für seinen starken Charakter geschätzt.

Unsere beiden Familien waren ob dieser Beziehung nicht glücklich. Aber wir waren acht Jahre ein Paar, bevor wir heirateten. Da haben unsere Eltern allmählich ihren Widerstand aufgegeben und freundeten sich später sogar an. Meine Mutter hat sich mit Igors Vater besonders gut verstanden: Sie waren irgendwie Seelenverwandte.

Jetzt, da unsere Tochter erwachsen ist und ihr Abi abgelegt hat, ist es Zeit für neue Projekte. Ich trage mich mit dem Gedanken, einen Verein zu gründen, der die jüdische Musik und Kultur popularisieren soll. Ich glaube, der Antisemitismus kommt von der Unkenntnis. Warum Musik? Weil es unmöglich ist, sich einen Juden ohne Lieder vorzustellen.

Aufgezeichnet von Matilda Jordanova-Duda

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