Erfurt

Die zweite Gemeinde

Eine Sonderausstellung liefert weitere gute Argumente für eine Bewerbung zum UNESCO-Weltkulturerbe

11.01.2018 – von Esther GoldbergEsther Goldberg

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Nur fünf Jahre nach einem furchtbaren Pogrom im Jahr 1349 siedelten erneut jüdische Familien in Erfurt. Sie gründeten die zweite jüdische Gemeinde, die rund 100 Jahre bestehen sollte. Die Ausstellung Gekommen um zu bleiben? Die zweite jüdische Gemeinde in Erfurt 1354–1454 zeigt Originaldokumente und wenige Zeugnisse dieser Gemeinde.

Die Kunsthistorikerin und erste UNESCO-Beauftragte Erfurts, Maria Stürzebecher, führte am vergangenen Sonntagabend zahlreiche Gäste durch die Sonderausstellung, die noch bis April in der Alten Synagoge gezeigt wird.

»Nie und nimmer hätte ich mit einem solchen Ansturm gerechnet«, sagte Stürzebecher. Sie hat die Ausstellung gemeinsam mit der Historikerin Maike Lämmerhirt aus Mannheim, Expertin für Juden in Erfurt im Mittelalter, kuratiert.

»Judenbuch« Beeindruckend sind vor allem Originale aus dem 14. und 15. Jahrhundert, die nur für kurze Zeit in den Vitrinen in der ersten Etage zu sehen sind. Als wichtigstes Exponat wird den Besuchern das Erfurter »Judenbuch« präsentiert. Normalerweise liegt es im Stadtarchiv unter Verschluss.

Darin sind jene Familien eingetragen, die aus Thüringen, Hessen und Schlesien, Böhmen und Mähren nach Erfurt gekommen sind. Sie kamen nach Thüringen, als die Blüte jüdischen Lebens in Deutschland während des Mittelalters bereits vorbei war. »So große Gemeinden wie in Erfurt gab es in dieser Zeit kaum noch«, erklärt Stürzebecher. Das sei das Besondere der jüdischen Geschichte in Erfurt.

Wie viele Juden tatsächlich während dieser 100 Jahre in Erfurt lebten, lasse sich hingegen nicht genau sagen. Dafür fehlten Quellen, die Auskunft über jüdische Einwohner der Stadt geben. Wohl aber geht man entsprechend des »Judenbuches« von 300 bis 500 Juden aus, denn teilweise lebten bis zu 30 Familien hier. Dabei wurden lediglich die Eheleute ins »Judenbuch« eingetragen, Kinder und Haushaltsgehilfen hingegen nicht.

Schlussstein Mittelpunkt der Ausstellung ist der sogenannte Schlussstein der zweiten Erfurter Synagoge. Er wurde 2012 entdeckt. Bis heute wurden jedoch keine weiteren Überreste der zweiten Synagoge gefunden. »Die liegen gut gesichert in der Erde hinter dem Rathaus, und ich hoffe, wir werden sie eines Tages freilegen können«, sagt Maria Stürzebecher.

Nur mit halbem Ohr hören die beiden Jugendlichen Sophia und Anne Van Gent zu. Die beiden Australier beschäftigen sich während des Vortrags mit einem Puzzle, aus dem sich das jüdische Viertel in Erfurts Altstadt zusammensetzen lässt. Sie besuchen ihre Großmutter in Erfurt und »wollen unseren Freunden, die mit uns gereist sind, das alte Erfurt zeigen. Deshalb sehen wir uns in der Synagoge um«, sagt Sophia.

Stadtgeschichte Für Jürgen Meyer aus Erfurt gehört die zweite jüdische Gemeinde zur Geschichte der Stadt. »Ich wünsche mir die Gleichberechtigung der Religionen und das Miteinander friedlicher Religionsmitglieder«, nennt er sein Motiv, sich an der Kuratorenführung zu beteiligen. Der Geschichtslehrer stammt aus Sondershausen. Seine Mutter war Köchin bei Textilkaufleuten in seiner Geburtsstadt, die zur eigenständigen jüdischen Gemeinde der Stadt gehörte. »Seither bin ich an jüdischer Geschichte besonders interessiert«, betont er.

Längst fragen sich interessierte Erfurter, ob die Bewerbung ihrer Stadt als UNESCO-Weltkulturerbe von Erfolg gekrönt sein wird. Dabei könnten sie nicht nur mit ihrem 1998 gefundenen Goldschatz punkten. Zuvor wurde in Thüringens Hauptstadt schon einmal Gold entdeckt. 1876 stieß ein Arbeiter bei den Vorarbeiten zum Neubau des Erfurter Rathauses auf einen etwa zwei Kilogramm schweren Goldschatz.

Beim Aufhacken des Bodens fand er ein Keramikgefäß, das einen sogenannten Doppelkopf enthielt, der wiederum mit 70 Goldmünzen, 21 schildförmigen Beschlägen, 33 blütenförmigen Gewandapplikationen sowie 54 Gewandverschlüssen gefüllt war. Leider ist heute nur noch eines der goldenen Schließenpaare erhalten sowie eine römische Goldmünze. Alle übrigen Objekte wurden 1878 an einen Privatsammler verkauft. Nach dessen Tod 1885 verliert sich die Spur dieses ersten Erfurter Schatzes, der wahrscheinlich um 1370 vergraben worden war.

Friedhof Auch das einstige große Speicherhaus in der Moritzstraße werden viele künftig mit etwas anderen Augen sehen. Darunter befindet sich nämlich der Friedhof der zweiten jüdischen Gemeinde. Inzwischen konnten einige Grabsteine geborgen und gesichert werden. Andere wurden im Mittelalter zum Bau des Speichers verwendet. Denn als der Stadtrat 1453 dem Erzbischof von Mainz erklärte, dass er die Juden nicht weiter schützen wolle noch könne, verließen die letzten jüdischen Familien die Stadt. 1454 ist die zweite jüdische Gemeinde bereits Geschichte. 300 Jahre lang gibt es in Erfurt keine Juden mehr. Das Publikum hört Maria Stürzebecher bis zur letzten Silbe gespannt zu.

Am 25. Januar informiert um 19.30 Uhr der Bauhistoriker Simon Paulus von der Technischen Universität Berlin über den Synagogenbau der zweiten jüdischen Gemeinde in Erfurt.

Die Stadt meint es ernst damit, jüdische Geschichte in den heutigen Alltag zu rücken. Und das nicht nur, weil die Stadt 2022 den Titel eines UNESCO-Weltkulturerbes zuerkannt bekommen möchte.

Die Ausstellung »Gekommen um zu bleiben. Die zweite jüdische Gemeinde in Erfurt 1354 –1454« ist noch bis zum 8. April in der Alten Synagoge Erfurt, Waagegasse 8, zu sehen.

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