Massentierhaltung

Vermeidbare Grausamkeit

Jüdische Ethik und der Tierschutz

04.01.2018 – von Rabbiner David RosenRabbiner David Rosen

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Als ich noch am Cape Beth Din, dem rabbinischen Gericht in Kapstadt in Südafrika, arbeitete, begleitete ich meine Kollegen oft auf Kontrollbesuchen in Schlachthöfen und bei Schochtim. Der koschere Schlachthof in Kapstadt war Teil eines allgemeinen Schlachthauskomplexes. Dort konnte ich sehen und vergleichen, wie der koschere und wie der »normale« Tötungsprozess ablief.

Was ich sah, hat mich davon überzeugt, dass die nicht-koschere Schlachtung zwar schneller war und »ästhetischer« wirkte als die koschere, doch den Anspruch, mitfühlender in den Methoden zu sein, erfüllte sie keineswegs.

Elektrode In dem nicht-koscheren Schlachthaus wurden Kühe und Schafe in rasantem Tempo auf das Band getrieben, wo dann ein Arbeiter eine von der Decke hängende Elektrode gegen den Kopf des Tiers schlug. (Diese Methode gilt als die humanste Form des Schlachtens. Die Tötung mittels Bolzenschussapparat ist noch verbreiteter.)

Doch das Tempo, in dem die Tiere durchgeschleust wurden, bedeutete, dass der elektrische Schlag nur teilweise erfolgreich war, bevor viele Tiere hochgehievt und unter Schmerzen getötet wurden. Die koschere Schlachtung war weniger schnell. Der Schochet kümmerte sich persönlich um jede Kuh und jedes Schaf und stellte sicher, dass sein Messer die Luft- und Speiseröhre mit einer schnellen Geste durchtrennte, sodass das Tier sofort tot war.

Ich habe keinerlei Zweifel, dass die koschere Schlachtung – verglichen mit der nicht-koscheren – die bei Weitem humanere (wenn auch weniger »ästhetische«) Methode ist. Während meiner Zeit als Oberrabbiner von Irland, wo ich für die koschere Schlachtung im ganzen Land zuständig war, verfestigte sich meine Überzeugung weiter.

Diese Erfahrungen machten mich auch mit anderen Aspekten der Tierhaltung und -schlachtung vertraut. Im Laufe der Jahre wurde mir immer stärker bewusst, welche dramatischen Auswirkungen diese Faktoren haben.

Zur modernen Massentierhaltung gehören nicht nur Tiere in einer Zahl, die in früheren Zeiten undenkbar war, sondern auch Bedingungen und eine Behandlung der Tiere, die in der Vergangenheit dazu geführt hätten, dass gläubige Juden den Verzehr solcher Geschöpfe als vom jüdischen Gesetz verboten abgelehnt hätten.

Gänseleberpastete Einige der größten halachischen Autoritäten unserer Zeit, unter ihnen Rabbiner Elieser Waldenberg und Rabbiner Moshe Feinstein, erklärten den Verzehr von Gänseleberpastete (hergestellt durch die gewaltsame Fütterung der Gänse) und Kalbfleisch (das blutarme Fleisch von Kälbern, denen Licht und Bewegung versagt werden) für verboten, weil ihre Herstellung das jüdische Verbot von Za’ar Baalei Chajim, vermeidbare Grausamkeit gegen Tiere, in eklatanter Weise verletze.

Die Frage, was heute wirklich für ein gesundes Leben notwendig ist, wollen wir hier beiseitelassen; diese Rabbiner zitierten einfach die bekannte, grundlegende jüdische Lehre, nach der die Misshandlung von Tieren verboten ist. Jeder, der damit vertraut ist, wie Vieh heutzutage gehalten und vermarktet wird, weiß, dass die Misshandlung von Tieren zur Norm geworden ist.

Schlachtkühe Die meisten Schlachtkühe werden in engen Ställen gehalten und zusammengepfercht transportiert. Ihnen werden ohne jegliche Betäubung die Hörner abgeschnitten oder abgebrannt, um zu verhindern, dass sie sich in der Enge gegenseitig verletzen. Sie werden mit Hormonen und Antibiotika gefüttert, die ihre Physiologie verändern und ihre natürlichen Funktionen einschränken. Man darf auch nicht vergessen, dass diese Hormone und Antibiotika im Fleisch verbleiben, das von Menschen verzehrt wird, mit vielen negativen Folgen.

Bei den Milchkühen sieht es noch schlimmer aus. Um eine maximale Milchbildung herbeizuführen und Liter um Liter Milch für den menschlichen Verbrauch zu produzieren, werden die Kälber sofort nach der Geburt von den Muttertieren getrennt (Verstoß gegen die ethische Aussage des biblischen Verbots im 3. Buch Mose 22,27, siehe auch Levitikus Rabba 27,11 und Nachmanides zu 5. Buch Mose 22,6).

Die Kühe werden sofort wieder befruchtet – normalerweise ohne Unterbrechung etwa vier Jahre lang, bis sie zu erschöpft sind, um für den Milchbauern weiter von Wert zu sein. Dann werden sie geschlachtet. Durch die Hormone, die in sie hineingepumpt werden, vergrößern sich ihre Euter in einem solchen Ausmaß, dass Milchkühe manchmal nicht in der Lage sind, richtig zu laufen.

Die Untersuchung der inneren Organe von Milchkuh-Kadavern, durchgeführt von einer amerikanischen orthodoxen halachischen Autorität, stellte große Organveränderungen fest, die das Fleisch treife, das heißt, für den jüdischen Verbrauch verboten, machen – mit halachischen Konsequenzen auch in Bezug auf die Milch dieser treifen Kühe.

Auf modernen Hühnerfarmen wachsen die Tiere dreimal so schnell wie vor 50 Jahren – was an der selektiven Zucht und dem Einsatz von Antibiotika liegt. Die Folgen sind lähmende Knochenerkrankungen und Missbildungen an der Wirbelsäule, die akute Schmerzen und Schwierigkeiten beim Bewegen verursachen.

Und was die Eier – sowohl Bio-Eier als auch Eier von herkömmlich gehaltenen Hühnern – angeht: Um eine maximale Produktion zu gewährleisten, werden männliche Küken nach der Geburt getötet, lebendig in den Schredder geworfen oder in Säcken erstickt.

Illegitime Mittel
Genug der Horrorgeschichten! Für jeden, der Augen im Kopf hat, sollte klar sein, dass praktisch alle tierischen Produkte, die heute auf dem Markt sind, das Resultat von Praktiken sind, die kategorisch gegen das jüdische Recht und die jüdische Ethik verstoßen. Und selbst wenn der Verzehr dieser Produkte eine halachische Verpflichtung wäre (was nicht der Fall ist), wäre er bei diesen Haltungsbedingungen eine Mizwa habaa be-aweira, also ein Gebot zum Konsum von Produkten, die mit illegitimen Mitteln erzeugt wurden und ihrer Bestimmung dadurch die Legitimation entziehen.

Es sollte klar sein, dass die Argumentation von Rabbi Moshe Feinstein, Rabbi Elieser Waldenberg und vielen anderen heute nicht nur für Gänseleberpastete und Kalbfleisch relevant ist, sondern sich auf die gesamte Viehhaltung, die Fleisch- und Eierindustrie bezieht.

In der Beziehung zum tierischen Leben fordert das Judentum mehr, als nur die Kehle des Tieres auf korrekte Weise zu durchschneiden und seine lebenswichtigen Organe zu prüfen. Insbesondere hinsichtlich der Schechita sagen unsere Weisen: »Die Mizwot wurden nur gegeben, um die Menschen zu veredeln« (Genesis Rabba, 44,1; Midrasch Tanchuma, Schmini).

Das Wort »kascher« bedeutet wörtlich »passend und angemessen«. Aber wenn zwar der Hals des Tieres an Punkt Z richtig durchgeschnitten und seine inneren Organe überprüft wurden, während von A bis Y alle Vorschriften und Verbote ignoriert und verletzt wurden – wie kann man das Produkt dann koscher nennen?

Und warum gibt es so gut wie keinen offiziellen rabbinischen Widerspruch, geschweige denn Widerstand gegen solche Praktiken? In vielen Fällen aus Unwissenheit, aber meistens ist es so, dass diese Wahrheiten ignoriert oder abgestritten werden, weil sie unbequem sind.

Lebensmittelindustrie Die Tatsache, dass die koschere Lebensmittelindustrie und die damit untrennbar verbundenen rabbinischen Aufsichts- und Genehmigungsinstanzen eine gigantische Industrie darstellen, die die Lebensgrundlage, die Interessen und die Macht von Hunderttausenden berührt, spielt gewiss auch eine Rolle. Man fragt sich, ob es überhaupt möglich ist, den rasenden Zug dieser enormen unmoralischen Unternehmung zu stoppen, wenn berechtigte und weniger berechtigte Interessen so eng miteinander verflochten sind.

Moderne Technologien und Innovationen, die derzeit für das Böse arbeiten, könnten letztendlich helfen, uns einen Weg aus dieser vertrackten Situation aufzuzeigen. Doch in der Zwischenzeit, und darüber hinaus, sollte eine verantwortliche rabbinische Führung, wann immer möglich, eine rein pflanzliche Diät befürworten: Sie ist die koscherste Diät, die heute zur Auswahl steht.

Es ist in unserer modernen Welt durchaus machbar, alle für einen gesunden Körper benötigten Nährstoffe aufzunehmen, ohne sich mitschuldig an unmoralischen Praktiken zu machen. Und all dies berücksichtigt noch nicht einmal weitere religiöse und ethische Probleme: eine verbesserte und gerechtere Verteilung von Lebensmittelressourcen sowie die von der Viehhaltung verursachten Umweltschäden, die größer sind als die, die alle Transportmittel der Welt zusammengenommen verursachen (vgl. auch Livestock’s Long Shadow, herausgegeben von der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft).

Visionen
Natürlich gab es große Rabbiner wie Abraham Isaak Hacohen Kook und vor ihm Yosef Albo, die ein messianisches Zeitalter ausmalten, in dem es keine Tötung von Tieren mehr gibt (was sich auch im Tempelgottesdienst selbst widerspiegeln wird).

Doch auch, wenn Sie mit solchen Visionen nicht viel anfangen können, gilt in der heutigen Welt: Je eher Sie sich pflanzlich ernähren, desto sicherer können Sie sein, dass Sie wirklich koscher leben.

David Rosen war Oberrabbiner der größten orthodoxen jüdischen Gemeinde in Südafrika und Oberrabbiner von Irland. Zurzeit ist er International Director of Interreligious Affairs des American Jewish Committee und lebt in Jerusalem.

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