USA

Du sollst (nicht) schießen!

Chicagos Juden streiten darüber, ob es sinnvoll ist, Waffen zu tragen

30.11.2017 – von Alina Dain SharonAlina Dain Sharon

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Sensibilität will gelernt sein. Es hagelte Kritik, als Jonathan Burstyn vor einigen Wochen auf Facebook mit einem Foto für seinen Kurs »ChiDefense« warb, in dem man den vermeintlich sicheren Umgang mit Schusswaffen lernt. Auf dem Foto waren Menschen zu sehen, die vor den Kugeln des Massenmörders Stephen Paddock flohen, der Anfang Oktober in Las Vergas 58 Besucher eines Musikfestivals erschossen hatte.

Burstyn ist orthodoxer Jude und Schießtrainer. Nach der Kritik dämmerte ihm, dass es vielleicht keine so gute Idee war, mit einem aktuellen Massaker auf seine Angebote aufmerksam zu machen. Was sich jedoch nicht änderte: Burstyn ist weiterhin fest davon überzeugt, dass man wissen sollte, wie man mit Waffen gut und sicher umgeht.

Verfassung Burstyn verweist gerne auf den zweiten Zusatzartikel der amerikanischen Verfassung. »Das ist unser heiliges Erbe«, betont er. »Sie ist nicht vergleichbar mit der Tora, aber dennoch ist sie etwas sehr Sinnstiftendes und Wertvolles, weshalb auch eine enorme Verantwortung mit ihr einhergeht.«

Burstyn wuchs in Miami auf. Sein Vater war Polizeiseelsorger und besaß zahlreiche Waffen. Burstyns Ansichten entsprechen denen der Waffenbefürworter, die sich von der Lobbygruppe National Rifle Association (NRA) vertreten fühlen. Schärfere Waffengesetze sind für sie ein Sakrileg.

»Wenn man weiß, dass 30 Prozent aller Amerikaner überall und zu jeder Zeit Waffen tragen, dann schreckt das ab. Potenzielle Verbrecher überlegen es sich dann zweimal, bevor sie eine Straftat begehen«, glaubt er und widerspricht dem Argument der Befürworter einer restriktiveren Politik, dass es an Orten mit schärferen Waffengesetzen weniger Gewalt gibt und verweist auf die vielen Terroranschläge in Europa, die seiner Meinung nach nur deshalb geschehen konnten, weil dort im öffentlichen Raum kaum jemand Waffen trägt. Und was die Juden betrifft: »Bei einem Angriff auf eine Synagoge schießen ein paar Bewaffnete den Kerl einfach nieder, und es wird weniger Opfer geben«, erklärt Burstyn.

2013 verabschiedete der Bundesstaat Illinois den sogenannten Firearm Concealed Carry Act, ein Gesetz, das es erlaubt, Waffen verborgen am Körper zu tragen. Während der Besitz von Waffen ein Recht ist, das überall in den Vereinigten Staaten geschützt ist, verleiht dieses Gesetz den Einwohnern von Illinois das Recht, in der Öffentlichkeit nicht sichtbar Waffen zu tragen. Nach der Verabschiedung dieses Gesetzes ließ sich Burstyn offiziell als Sicherheitstrainer zertifizieren. Heute bietet er einen 16-stündigen Kurs an, der gesetzliche Voraussetzung für das Tragen einer verdeckten Waffe ist.

Orthodoxe In Chicago, wo Burstyn seit 2002 lebt, besitzen immer mehr orthodoxe Juden eine Schusswaffe. Viele seiner Schüler kommen aus diesem Milieu. Rund 80 Prozent von ihnen sind Männer. Bei den orthodoxen Frauen, die seine Kurse besuchen, stellt sich die Frage, inwieweit das Tragen einer Schusswaffe kompatibel mit den Kleidervorschriften sein kann, schließlich ist es ihnen untersagt, Hosen zu tragen.

»Der Saum eines Rocks ist dafür nicht annähernd so geeignet und robust wie ein Hosenbund mit Gürtel«, skizziert Burstyn die Problematik. Seine Frau Odeya, die auch einen Waffenschein besitzt, erklärt, was sie stattdessen tut: »Entweder wir verstauen die Waffe in einem eng anliegenden Gummibund, oder wir behelfen uns mit einem Gurt am Schenkel.«

In den ersten Stunden von Burstyns Sicherheitskursen beschäftigen sich die Schüler mit der Technik der Schusswaffen. Anschließend konzentriert man sich auf die unterschiedlichen Waffengesetze in Illinois und den benachbarten Bundesstaaten. Am Ende der Ausbildung gehen alle Kursteilnehmer zum Schießstand. Manche haben bereits Vorkenntnisse und wissen, wie man schießt, andere dagegen sind absolute Anfänger.

käuferregister Burstyn betont, er befürworte es durchaus, dass der Gesetzgeber den Gebrauch von Maschinengewehren einschränkt. Auch halte er ein Käuferregister für eine gute Sache. Man sollte eben mit Schusswaffen verantwortungsvoll umgehen, meint er. »Die Tora schreibt es zwar nicht vor, Waffen zu besitzen, aber wir leben in Amerika, warum sollten wir das Recht nicht nutzen?«

Für die Rabbinatsstudentin Tamar Manasseh ist die Frage, ob ausgerechnet Juden Schusswaffen besitzen sollten, eine sehr persönliche. Die Aktivistin im Kampf gegen die zahllosen Schießereien in Chicago glaubt, Amerikas Obsession mit Waffen sei schädlich für das Judentum.

Juden, die laut der Tora Gottes Lieblingsvolk seien, dürften sich nicht wie alle anderen verhalten. »Entweder du bist Jude, oder du bist es nicht. Jüdischsein ist ein Verb. Es ist das, was du tust«, sagt Manasseh in Anspielung auf das biblische Gebot »Du sollst nicht morden«.

»Es gibt den jüdischen Brauch, in einem Sarg ohne jegliches Metall beerdigt zu werden – ist es dann wirklich angebracht, im Leben eine Waffe zu tragen?«, fragt Manasseh und stellt fest: »Wir werden immer amerikanischer und immer weniger jüdisch.«

Statistik In den USA sterben jedes Jahr rund 11.000 Menschen durch Schusswaffen. In Chicago waren es fast 3000 allein in diesem Jahr. Manasseh, die in einer afroamerikanischen jüdischen Gemeinde im Süden der Stadt aufwuchs, hat persönlich erlebt, wie viel Leid der Gebrauch von Schusswaffen über die Menschen in Chicago bringt. »Mein Cousin wurde vor dem Haus meiner Großmutter erschossen«, sagt Manasseh.

Vor zwei Jahren beschloss sie, offensiv gegen das Problem anzukämpfen, und gründete die Gruppe »Mothers Against Senseless Killings« (Mütter gegen das sinnlose Morden), MASK. Die Frauen halten Mahnwachen auf den Straßen, sie bringen Essen mit und versuchen, die Anwohner in die Aktivitäten einzubeziehen, um die Gemeinschaft zu stärken und die Gewalt in dem betroffenen Stadtteil zu vermindern.

Die Anzahl der Freiwilligen, die mitmachen, wächst. Inzwischen gibt es MASK auch in einer Reihe weiterer amerikanischer Städte. Drei Jahre lang »saß ich an einer Ecke, an der ein Neunjähriger am helllichten Tag erschossen wurde«, erzählt Manasseh. »Heute passieren hier keine Morde mehr. Weil wir dort sitzen und die Straße beobachten.«

erfahrung Als Manasseh aufwuchs, besuchte sie eine jüdische Tagesschule mit weißen Juden. Oft habe sie sich dort wie Moses gefühlt, den weder die Israeliten noch die Ägypter wirklich akzeptieren, sagt sie. Die doppelte Erfahrung, als Jüdin und Schwarze im Süden von Chicago aufzuwachsen, hatte großen Einfluss auf ihre Einstellung gegenüber Waffen. Sie hat keine Familienmitglieder im Holocaust verloren, doch aufgrund ihrer Erfahrung mit Gewalttaten, bei denen Schusswaffen eine Rolle spielten, widerspricht sie der Idee, Juden müssten sich mit Waffengewalt verteidigen, um nie wieder Opfer zu werden.

»Drei meiner Onkel wurden von Kugeln getroffen. Einer starb sofort, die beiden anderen vegetierten den Rest ihres Lebens im Rollstuhl«, erklärt sie. »Ich habe keine Pistole, um meinen schwarzen Sohn davor zu schützen, erschossen zu werden. Brauchen wir denn wirklich Schusswaffen für den sehr unwahrscheinlichen Fall eines antisemitischen Anschlags?«

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