Aharon Appelfeld

Die letzte Sommerfrische

Der neue Roman des israelischen Schriftstellers erzählt von der brüchigen Idylle 1938 in Czernowitz

23.11.2017 – von Welf GrombacherWelf Grombacher

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Eigentlich sind bürgerliche Juden in der Öffentlichkeit doch zurückhaltende Menschen, schimpft der Vater. Im Urlaub aber, an der frischen Luft und am Wasser, geraten alle Sitten in Vergessenheit. Reife Damen bieten beim Baden nicht nur ihre korpulenten Körper und üppigen Brüste dar, sondern zeigen auf der nackten Haut auch noch all ihren Schmuck. Es ist nicht mit anzuschauen.

Der Vater des zehnjährigen Erwin hat dafür nur Verachtung übrig. »Ich werde nicht mehr hierherkommen«, sagt er, »es gibt eine Grenze für Fehler.« Trotzdem schafft es seine Frau jedes Jahr aufs Neue, ihn zur Sommerfrische in der kleinen Hütte am Fluss Pruth am Rande von Czernowitz zu überreden. Warum? »Er weiß vermutlich selbst«, sagt seine Frau, »dass Ferien mit Nichtjuden noch schlimmer sind.«

verbindung Immer wieder erzählt der 1932 bei Czernowitz geborene Aharon Appelfeld in seinen Büchern – und es sind mittlerweile mehr als 40, von denen ein gutes Dutzend ins Deutsche übersetzt wurde – aus der Sicht von Kindern. Durch das Schreiben wolle er, wie er einmal sagte, die Verbindung zu seinen toten Eltern und Großeltern aufrechterhalten. »Es war eine Not zu schreiben. Ich musste das.« Gerade mal acht war er, als die Nationalsozialisten seine Mutter erschossen. Er selbst musste im Nebenzimmer dabei zuhören und überlebte nur, weil er mit Mumps im Bett lag.

Mit dem Vater hauste er im Ghetto und später im Arbeitslager, aus dem er alleine fliehen konnte. In so manchem seiner Romane hat er seine bewegende Geschichte erzählt: wie er sich vor den deutschen Truppen im Wald versteckte, bei einer Prostituierten Unterschlupf fand und mit der Roten Armee Richtung Westen zog. Nach dem Krieg, als er in Italien auf die Fähre ins Heilige Land wartete, lehrte ihn ein Rabbiner mit Ohrfeigen das Beten. So auf jeden Fall hat er es in seiner Autobiografie Geschichte eines Lebens beschrieben. Religiös ist Appelfeld bis heute nicht. »Wo war Gott in Auschwitz?«, fragte Appelfeld in einem seiner seltenen Interviews.

Auch in seinem neuen Roman Meine Eltern, der vergangene Woche auf Deutsch erschien, schlüpft der mittlerweile 85-Jährige wieder in die Rolle eines Jungen. »Die schöpferische Arbeit braucht diesen Blick des Kindes«, schreibt er gleich zu Beginn in einer der vielen poetologischen Passagen, die den Roman vor allem auf den ersten Seiten durchziehen. Dabei handle es sich nicht um einen »literarischen Trick«, vielmehr bedürfe es dieses Staunens, mit dem Heranwachsende die Welt sehen.

zionistisch Zwar hat Erwin im Buch viel Ähnlichkeit mit dem Jungen, der Appelfeld selbst einmal war. Wurde aus Erwin doch erst im von zionistischem Aufbruchsgeist geprägten Israel der heutige Aharon. Identisch aber ist die literarische Figur mit dem realen Autor nicht. Sie ist drei Jahre älter als Appelfeld, der seine Bücher ohnehin nicht als »Erinnerungsliteratur« rezipiert wissen will, weil das seiner Meinung nach »ein antikünstlerischer Ansatz« sei.

Wie jedes Jahr mieten Erwins Eltern auch 1938 die kleine Bauernhütte am Pruth. Sie können nicht ahnen, dass es ihre letzte Sommerfrische sein wird. Im Jahr darauf bricht der Krieg los. Keiner der jüdischen Feriengäste will sich das vorstellen. »Die hohe deutsche Kultur wird sich nicht von einem Diktator beherrschen lassen«, davon sind sie fest überzeugt. Zwar spüren sie bereits die misstrauischen Blicke der Bauern, wenn sie Hütten mieten oder von ihnen Lebensmittel kaufen. Aber die Urlauber reden sich die Dinge schön. Was sollen sie sich auch fürchten? Messen sie selbst ihrer Jüdischkeit doch keine allzu große Bedeutung bei.

Nähe empfinden die im Roman beschriebenen säkularen Juden viel eher zur russischen Literatur oder zur Musik von Bach, nicht aber zum Judentum. Manche ahnen vielleicht, was sie bei der Rückkehr nach Hause erwartet. Bis dahin aber versuchen sie, so gut es geht, die freien Tage zu genießen. Selbst als es zu ersten Übergriffen kommt, bleiben sie gelassen. Pogrome habe es schon immer gegeben, sagt der Vater. Das solle man nicht überbewerten. »Die Juden sind immer panisch, da kann man nichts machen.«

Subversiv Die düstere Vorahnung des Zweiten Weltkrieges schwebt über diesem atmosphärischen Roman. Bilder von dem, was vor der Schoa keiner zu glauben vermochte, schwingen in jeder Zeile mit, obwohl sie nicht einmal angedeutet werden. Subversiv versteht es Aharon Appelfeld, indem er aus der Sicht des Zehnjährigen erzählt, die fiebrige Stimmung der Feriengäste spürbar zu machen: ihre »verzweifelte Fröhlichkeit«, das »wilde Lachen von Menschen, die ihre Welt verlieren«, ihre vergeblichen Fluchtversuche mit billigem Cognac.

Der Druck im Kessel steigt. Das Kind kann die heraufziehende Menschheitskatastrophe nicht artikulieren. Wie auch? Sie hat ja noch nicht stattgefunden. Fühlen aber kann es sie bereits. Das ist die große Qualität von Appelfelds Buch. Manchmal erinnert es fast an Thomas Manns Zauberberg, in dem der Erste Weltkrieg in der Luft liegt, während Hans Castorp im Sanatorium seinen amourösen Träumereien nachhängt.

Als der Vorarbeiter flieht, ein »Halbjude«, dem Erwins Vater für die Ferienzeit die Leitung seiner Fabrik übertragen hat, denkt auch er an Emigration. »Dieses jüdische Treibhaus ist nicht gerade herzerfreuend«, klagt er der Mutter. Die jedoch hält hoffnungslos entgegen: »Wohin sollen wir denn auswandern?«

kindheit Schon in seinen Büchern Badenheim (2001) und Zeit der Wunder (2002) hat sich der in Jerusalem lebende Aharon Appelfeld durch die kleine Hütte am Pruth inspirieren lassen. Auch im neuen Roman sind die Bilder der Kindheit wieder der »zündende Funke« der Geschichte, an der die Erfahrungen des Erwachsenen sich brechen. Erwins Eltern verkörpern die assimilierten europäischen Juden.

Sie werden verlegen, wenn sie in den Augen der Großeltern, die noch an Gott glauben, das kindliche Staunen sehen. Sie selbst sind dazu nicht mehr in der Lage. »Die Jahre in der Stadt habe ihnen die Naivität geraubt, die sie auch einmal besaßen«, heißt es am Anfang von Meine Eltern. Appelfelds Buch, das nie moralisierend daherkommt, ist so nicht nur eine liebevolle Hommage an die Eltern, sondern auch eine bedachtsame Auseinandersetzung mit dem Glauben an sich.

Aharon Appelfeld: »Meine Eltern«. Übersetzt von Mirjam Pressler. Rowohlt, Berlin 2017, 272 S., 22,95 €

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