Talmudisches

Vier Rabbiner im Jenseits

Wie man von einem Abtrünnigen lernen konnte

23.11.2017 – von Rabbiner Avraham RadbilRabbiner Avraham Radbil

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Eine der tragischsten Geschichten des Talmuds finden wir im Traktat Chagiga 14b. Dort wird davon erzählt, dass vier große Rabbiner ins Jenseits, in den Pardes, eintraten. Es waren Ben Asaj, Ben Soma, Rabbi Akiva und Acher, der ursprünglich Rabbi Elischa ben Awua hieß.

Rabbi Akiva war der Einzige, der heil und ganz im Frieden (wörtlich »Beschalom«) ins Jenseits hineinging und genauso wieder herauskam. Über ihn sagt ein Vers im Hohelied: »Zieh mich dir nach, lass uns eilen! Mich brachte der König in seine Gemächer. Wir wollen jubeln und froh sein mit dir, gedenken deiner Liebkosungen, süßer als Wein. Mit Recht liebt man dich« (1,4).

Allerdings wollten die Engel Rabbi Akiva verstoßen. Doch der Allmächtige setzte sich für ihn ein und sagte, sie sollen ihn in Ruhe lassen, denn er sei der g’ttlichen Präsenz würdig.

Die drei anderen Rabbiner konnten das, was sie im Jenseits sahen, jedoch nicht ertragen und nahmen großen Schaden.

Tod Ben Asaj starb. Manche Kommentatoren erklären seinen Tod mit der Tatsache, dass er nicht verheiratet war. Da er sich mit nichts anderem als der Tora beschäftigen konnte, hatte er als Einziger die Erlaubnis erhalten, nicht zu heiraten. Doch weil er dadurch keine Bindung zur körperlichen Welt hatte, konnte seine Seele, nachdem sie in die geistige Welt eingetreten war, nicht mehr in die materielle Welt zurückkehren. Über ihn sagt ein Psalmvers: »Teuer ist in den Augen des Ewigen das Sterben seiner Frommen« (116,15).

Ben Soma war von dem, was er im Jenseits sah, derart verwirrt, dass er den Bezug zur Realität verlor und verrückt wurde. Über ihn sagt ein Vers in den Sprüchen Salomons: »Hast du Honig gefunden, so iss dir zur Genüge, dass du nicht, übersatt, ihn ausspeist« (25,16).

Wie Ben Asaj und Ben Soma brachte die Reise ins Jenseits auch Acher, den vierten Rabbiner, sehr durcheinander. Über ihn sagt ein Vers in Kohelet: »Gestatte nicht deinem Mund, in Sünde zu bringen deinen Leib, und sprich nicht vor dem Boten, dass es im Versehen war. Warum soll G’tt zürnen über deine Stimme und das Werk deiner Hände zerstören?« (5,5).

Als Acher im Jenseits war, sah er, wie Metatron, der Oberbefehlshaber der Engel, dort saß und die Verdienste Israels aufschrieb. Das brachte ihn auf die abwegige Idee, es könnte, G’tt behüte, zwei G’ttheiten geben. Daraufhin wurde Metatron die Erlaubnis erteilt, Achers Verdienste zu löschen, und Acher hörte die g’ttliche Stimme: Kehrt zu mir zurück, meine abtrünnigen Kinder, alle außer Acher.

Prostitution Alsdann sagte Acher zu sich selbst: »Wenn ich schon die künftige Welt verloren habe, kann ich doch wenigstens noch von dieser Welt genießen«, und wurde abtrünnig. Er ging am Schabbat zu einer Prostituierten, die sich aber vorerst weigerte, mit ihm zu gehen, denn sie erkannte in ihm den berühmten Rabbi Elischa ben Awua. Doch um ihr zu beweisen, dass er mittlerweile ganz weit davon entfernt war, ein Rabbiner zu sein, riss er eine Rübe aus der Erde, was am Schabbat verboten ist. Da rief die Prostituierte: »Es ist nicht Elischa ben Awua, es ist ein anderer (hebräisch: Acher).« So kam Elischa ben Awua zu dem Namen Acher.

Der Talmud erzählt weiter: Obwohl Acher abtrünnig wurde, hörte sein Schüler, Rabbi Meir, nicht auf, weiter von ihm zu lernen. Mehrmals versuchte er, seinen abtrünnigen Lehrer zurück auf den rechten Weg zu bringen. Doch Acher war davon überzeugt, dass es für ihn kein Zurück gebe und dass die himmlischen Tore für ihn für immer verschlossen seien.

Granatapfel Die Weisen diskutierten darüber, wie Rabbi Meir von einem Abtrünnigen lernen konnte. Sie verglichen dieses Lernen mit dem Finden eines Granatapfels: Die Körner isst man, und die Schale wirft man weg. Also hat Rabbi Meir das Gute zu sich genommen und das Schlechte von Acher weggeworfen.

Wir sehen an dieser Geschichte, dass nicht alle für alles reif genug sind. Oft wollen wir ein Ziel schnell erreichen und die Zwischenstufen überspringen. Doch zur Reife eines Menschen gehört, sich selbst richtig einschätzen zu können. So kann ein Kind die Straße erst dann allein überqueren, wenn es weiß, wann es anhalten und nach links und rechts schauen muss. Wie wir sehen, haben sich drei der vier Rabbiner überschätzt, als sie sich dazu entschlossen, in den Pardes einzutreten. Nur Rabbi Akiva war »Beschalom«, als er hineinging, und kam deshalb auch genauso wieder heraus.

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