GEW

Was geschah im Lehrerbund?

Der Streit um den ersten Vorsitzenden Max Traeger und dessen Rolle in der NS-Zeit geht weiter

16.11.2017 – von Astrid LudwigAstrid Ludwig

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Die Enttäuschung ist Micha Brumlik anzusehen, das Unverständnis darüber, wie sich die größte Bildungsgewerkschaft verhält, dass sie »Kritik gar nicht aufkommen lassen will«. Brumlik ist renommierter Erziehungswissenschaftler und die GEW somit auch seine Gewerkschaft. Was aktuell jedoch in den Reihen der Lehrervertretung abgeht, hält er für »empörend und ganz und gar antiaufklärerisch«. Der 70-Jährige hat die Forschungsstelle NS-Pädagogik an der Frankfurter Goethe-Universität mitbegründet. Die hat an diesem Abend auf ihrem Westend-Campus zu einer öffentlichen Veranstaltung zum Thema eingeladen.

Der Streit darüber, ob Max Traeger ein Nazi-Mitläufer war oder ein Vorbild für die Gewerkschaft (vgl. Jüdische Allgemeine vom 4. Mai), ist so richtig hochgekocht, seit Saskia Müller und Benjamin Ortmeyer, Leiter der Forschungsstelle NS-Pädagogik, 2016 ihr Buch über Die ideologische Ausrichtung der Lehrkräfte 1933–1945 herausgebracht haben. Darin geht es um den Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB), in dem 97 Prozent aller Lehrer organisiert waren und der laut den Autoren für die Verbreitung eines rassistischen und antisemitischen Weltbildes im Klassenzimmer mitverantwortlich war. Die meisten NSLB-Mitglieder gelangten nach Kriegsende wieder in den Schuldienst und somit auch in die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Stiftung Max Traeger war ebenfalls Mitglied des NSLB und maßgeblich daran beteiligt, dass die Hamburger »Gesellschaft der Freunde des vaterländischen Schul- und Erziehungswesens« in den NSLB überführt wurde. Traeger war nach dem Krieg der erste Vorsitzende der GEW und setzte sich auch dafür ein, dass eine »arisierte« Villa nach 1949 in den Besitz der GEW überging. Nach ihm ist die gewerkschaftseigene Stiftung benannt.

Offen zutage trat der Streit um die Person Traegers, als der Bundesausschuss der Studentinnen und Studenten der GEW (BASS) in einem offenen Brief die Umbenennung der Stiftung forderte, berichtet Sven Lehmann vom BASS an diesem Abend in Frankfurt. Er spricht von »Zensur« und von einer »Abwehrdebatte«. Der Hauptvorstand der GEW lehnte es ab, den offenen Brief auf die Website der Gewerkschaft zu stellen.

Innergewerkschaftlich entbrannte ein heftiger Zwist, ob Traeger Täter, Opfer oder gar verdeckter Widerständler war, wie das Hans-Peter de Lorent, Grünen-Politiker, Ex-Vorsitzender der GEW Hamburg, in einem Manuskript behauptet. De Lorent ist Verfasser einer Traeger-Biografie und tritt in dem Konflikt als Sachverständiger auf. Der Antrag des BASS auf Umbenennung der Stiftung, von der GEW Hessen unterstützt, fand im Hauptvorstand der Gewerkschaft keine Mehrheit.

arisierung »Es ist Zeit für die ganze Wahrheit«, sagen Bernhard Nette und Stefan Romey, beide seit über 40 Jahren Mitglieder der GEW Hamburg und seit Jahrzehnten in die Debatte um Traeger und auch die »arisierte« GEW-Immobilie in der Rothenbaumchaussee der Hansestadt involviert. Sie haben 2010 auch ein Buch darüber geschrieben, Die Lehrergewerkschaft und ihr Arisierungserbe. Darin werfen sie der GEW vor, sich unrechtmäßig an einem Haus bereichert zu haben, das jüdische Bürger 1935 auf der Flucht aus Nazi-Deutschland verkaufen mussten.

Nette und Romey sind nach Frankfurt gekommen und zerpflücken die Studie von de Lorent. Sie sei wissenschaftlich mangelhaft, fuße auf Anekdoten statt auf verlässlichem Quellenmaterial. Es fehlten wesentliche Fakten, etwa die, so Romey, dass Traeger bis Oktober 1933 Mitglied der Hamburger Bürgerschaft war – »und dort gab es zu diesem Zeitpunkt nur noch die NSDAP«.

Traeger wurde 1933 als Schulleiter entlassen, argumentieren seine Verteidiger. Er blieb aber bis 1945 weiterhin Lehrer, erhielt 1939 sogar das Ehrenzeichen für 25-jährige treue Dienste vom Führer, sagen seine Kritiker. Auch Romey hält dagegen: »Widerständler wären aus dem Schuldienst entlassen worden.« Wie etwa Emmy Beckmann, Leiterin des Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenvereins (ADLV), die 1933 wegen »politischer Unzuverlässigkeit« zwangspensioniert wurde. Das Vermögen des ADLV überführte sie in eine Stiftung. »Es gab also Alternativen«, sagt Romey. Traeger habe den Hamburger Lehrerverein dagegen »geräuschlos« in den NSLB überführt. Seine Verteidiger betonen jedoch, das sei »zwangsweise« geschehen.

Kriegsende Nette und Romey werfen Traeger und der GEW ein unmoralisches Handeln auch bei der »arisierten« Hamburger Immobilie vor. Nach Kriegsende hätten die früheren Eigentümer keinen Antrag auf Rückgabe gestellt, lautete das damalige Argument, das Haus in GEW-Besitz zu nehmen. Doch die beiden Autoren kritisieren, dass »Traeger nicht einmal bei den jüdischen Vorbesitzern in den USA nachgefragt hat«. Die Gewerkschaft, sagen sie, verteidige »auf Teufel komm raus« ihren früheren Vorsitzenden.

»Max Traeger – kein Vorbild«, zu diesem Schluss kommt auch Micha Brumlik, der vor Kurzem ein gleichnamiges Buch über die »Person, Funktion und Handeln im NS-Lehrerbund und die Geschichte der GEW« verfasst hat. Er und Herausgeber Benjamin Ortmeyer kritisieren darin auch, dass die Spitze der GEW an einem »wirklichen Diskurs mit jungen GEW-Mitgliedern wenig Interesse« hätte. Stattdessen wolle sie die Studenten gängeln und zensieren.

Der Bundesausschuss der Studierenden (BASS) lässt jedoch nicht locker. Im November soll erstmals die Projektgruppe »Geschichte der GEW« in Düsseldorf tagen, die die Gewerkschaft gemeinsam mit der Hans-Böckler-Stiftung und der Friedrich-Ebert-Stiftung im Zuge der Kontroverse eingerichtet hat. Die GEW ist der Geldgeber. Das Kooperationsprojekt soll die GEW-Geschichte der Nachkriegszeit bis in die 90er-Jahre aufarbeiten. Die Person Max Traeger sei Anlass, aber keinesfalls alleiniger Fokus der Projektgruppe, zu der Wissenschaftler und GEW-Vertreter zählen, so die Hans-Böckler-Stiftung.

Verteidigung Der BASS kritisiert hingegen die Zusammensetzung der Kommission, in die zwar Gewerkschaftsfunktionäre berufen worden seien, die ein Interesse an der Verteidigung Max Traegers hätten, aber keine Kritiker, die die Debatte angestoßen hätten.

Die Böckler-Stiftung verweist hingegen darauf, dass sie bewusst Historiker und Erziehungswissenschaftler angefragt habe, »die selbst nicht an der Kontroverse beteiligt sind«. Das erste Treffen der Projektgruppe war übrigens für den 9. November angesetzt.

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