Yoga

»Das Essenzielle bewahren«

Patricia Thielemann über ihr neues Buch, Entspannung im Alltag und Bewegung im Büro

Aktualisiert am 13.11.2017, 12:46 – von Katrin RichterKatrin Richter

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Frau Thielemann, es gibt viele Positionen im Yoga. In welcher finden Sie sich am besten wieder?
Ich denke, in der Kriegerposition, denn daran kann man Gelassenheit inmitten einer konfrontativen Situation üben. Für mich symbolisiert diese Haltung etwas sehr Lebensnahes. Es ist eine Möglichkeit herauszufinden, ob man eher in den Kampf- oder in den Fluchtmodus geht, wenn man sich in einer konfrontativen Situation befindet. Durch bewusstes Atmen und durch Akzeptieren der Situation kann man souverän durchstarten lernen

Ist der Krieger fester Bestandteil Ihrer Übungen?
Ja, ich mache jeden Tag Übungen, die konfrontativ sind, um mich in Gelassenheit zu üben, denn Gelassenheit braucht man fürs Leben. Gerade in einer scheinbar immer schneller werdenden Welt ist das essenziell: dass Yoga nicht nur zur Entspannung da ist, sondern auch, um mit Stress und Reiz besser klarzukommen.

Wann haben Sie Yoga für sich entdeckt?
Als Teenager hatte mich meine Mutter mit zu Yoga-Stunden genommen, denn ich war ein zu großes, asthmatisches, etwas schüchternes Kind. Yoga tat mir von Anfang an gut.

Wie sahen Yoga-Stunden damals aus?

Yoga wurde zu der Zeit eher als Entspannungsmethode vermittelt. Mit dem großen Yoga-Hype der letzten Jahre wurde Yoga sehr viel dynamischer. Ich bemühe mich in meinem Unterricht um einen gesunden Mittelweg, denn in einer scheinbar immer schneller werdenden Zeit, in der wir viel Zeit des Tages vor unseren Computern und mit unseren Smartphones verbringen, finde ich es wichtig, dass wir vor allem lernen, uns wieder in unserem Körper zu verankern. Nur wenn wir uns spüren, können wir auch wirklich bei uns sein.

Wie hat sich Yoga seitdem verändert?
Mit der modernen Welle des Yogas hat sich die ganzheitliche Übungspraxis sehr gewandelt – allerdings nicht immer nur zum Positiven. Die Schattenseite ist, glaube ich, dass Yoga gern als Wunderwaffe für alles instrumentalisiert wird: Yoga für den Knackpo, Yoga für noch mehr Leistung. Letztendlich ist Yoga ein Werkzeug, um bei sich selbst anzukommen, und nicht, um irgendwelchen Idealen nachzujagen.

Welchen Anspruch haben Sie an Yoga?
Ich möchte eine zeitgemäße europäische Übersetzung anbieten und Yoga noch mehr von seinem seichten Eso-Image befreien. Yoga liegt etwas zugrunde, das eine universelle Gültigkeit besitzt. Ich möchte ihn so verwandeln, dass er in unsere Zeit passt, ohne dabei seinen Spirit zu verlieren. Das ist eine echte Aufgabe: das Essenzielle zu bewahren und es zeitgemäß zu gestalten. Wir sollten unsere eigene Kultur, Religion, Glaubensansätze nicht verkaufen und uns etwas anderes überstülpen, nur weil es auf den ersten Blick imposant wirkt.

Inzwischen gibt es zahlreiche Bücher über Yoga für Gestresste, Yoga für Schwangere, Yoga für Kinder. Wie stehen Sie zu diesen vielen Ratgebern?
Schwierig wird es immer dann, wenn Yoga zu Marketing-Zwecken missbraucht wird. Allerdings finde ich es schon wichtig, dass Yoga möglichst viele Menschen erreicht. Man sollte einen Rahmen schaffen, in dem sich jeder, egal welchen Glauben oder welche Lebensphilosophie er hat, in den Übungen wiederfindet. Wenn Yoga zu ideologisch vermittelt wird, wird es kompliziert. Man muss sich aber auch davor hüten, Yoga für alles heranzuziehen: Yoga für Hunde zum Beispiel. Ich bin immer wieder verblüfft, wie viele Lehrer oder Lehrerinnen Bilder von sich mit Kopfstand und in Badehose oder Bikini auf dem Surfbrett bei Facebook posten. Das ist für mich reine Effekthascherei und hat mit Yoga nichts zu tun.

Sie beschreiben in Ihrem Buch »Spirit Yoga. Aufrecht, stark und klar im Leben« Ihren Werdegang, der Sie von Hamburg über Los Angeles und Indien nach Berlin führte. Wie haben Sie die verschiedenen Herausforderungen gemeistert?
Das ist eine Frage, die mich mein ganzes Leben begleitet hat: Wie gelingt es, den weltlichen Verpflichtungen gerecht zu werden und dabei den Bezug zum Wesentlichen nicht aus den Augen zu verlieren? Amerika ist durch seine vielen unterschiedlichen Kulturen inspirierender. Man kann sich mehr ausleben. Allerdings gibt es in den USA leider auch viel Naivität und Selbstüberschätzung. Ich genieße es, Yoga in Berlin zu unterrichten.

Weswegen?
Hier hinterfragt man Yoga. Ich erinnere mich noch, als ich anfing, in meinem Studio am Hackeschen Markt zu unterrichten, kam ein älterer Mieter auf mich zu und sagte in feinstem Berlinerisch: »Ich habe ein Auge auf Sie: Wenn das mal nicht Scientology ist.« Das wäre in den USA nie passiert. Aber ich mag diese Reibung hier in Deutschland. Mein Anliegen war immer, die Sonne Kaliforniens nach Berlin zu bringen.

Wie war es für Sie, dieses Buch zu schreiben?
Es war eine sehr wesentliche Erfahrung. Ich bin damit ein Wagnis eingegangen, eben nicht nur einen Yoga-Ratgeber mit hübschen Übungen zu schreiben, sondern meine Deutung von Yoga publik zu machen. Ich habe sehr viel von mir preisgegeben und wollte zeigen, wie Yoga in meiner Schule vermittelt wird. Denn Yoga schwankt immer noch zwischen dem »Töpfern für den Weltfrieden«-Image und dem Dehnungsübungen-für-gut-aussehende-Frauen-Image. Dieses Buch zu schreiben, war deswegen auch eine spannende Aufgabe, weil die Menschen, die zu Spirit Yoga kommen, eben gerade nicht in dieses Schema passen Diese Menschen streben nach einem sinnstiftenden, guten und verantwortungsvollen Leben.

Sie haben unter anderem auch mit dem Schriftsteller Daniel Kehlmann gesprochen, der wegen Rückenschmerzen mit dem Yoga angefangen hat. Ein typischer Grund, mit Yoga zu beginnen?
Einige kommen wegen eines physischen Leidensdrucks wie beispielsweise Rückenschmerzen zum Yoga. Oder sie haben das Gefühl, ihr Körper sei ein einziger Schmerz. Andere schlafen nicht gut, haben eine schlechte Verdauung oder bekommen den Kopf nicht mehr frei. Yoga kann sie dabei begleiten, ihr Leben umzustellen.

Was empfehlen Sie denjenigen, die den ganzen Tag sehr lange sitzen?
Unabhängig von Yoga – weil es wirklich hilft – sollte man ein gutes Sitzmöbel haben und auf seine Haltung achten. Sitzen Sie nicht krumm vor dem Bildschirm und bewegen Sie sich zwischendurch immer wieder. Stabilisieren Sie Ihre Rumpfmuskulatur, denn eine starke Zentrumsmuskulatur hilft, Haltungsschäden vorzubeugen. Und: Bleiben Sie nicht ewig im Büro.

Mit Patricia Thielemann sprach Katrin Richter.

Patricia Thielemann: »Spirit Yoga: Aufrecht, stark und klar im Leben«. Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2017, 224 S., 19,99 Euro

www.spirityoga.de

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Fotostrecken

Unser Blog aus Israel

BDS

BDS-Bewegung – zum Dossier

Boycott Divestment Sanctions

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
2°C
regenschauer
Frankfurt
5°C
regenschauer
Tel Aviv
16°C
wolkig
New York
7°C
regen
Zitat der Woche
»Völkisch-antisemitischer Jammer-Ossi«
Der Kabarettist Uwe Steimle darf so bezeichnet werden. Das entschied in
der vergangenen Woche das Amtsgericht Meißen.