Porträt der Woche

Die Geschichtensammlerin

Elianna Renner ist Künstlerin und erforscht vergessene jüdische Frauenbiografien

Aktualisiert am 09.11.2017, 10:41 – von Till SchmidtTill Schmidt

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Als ich klein war, sind wir durch die halbe Welt gereist: Chile, Argentinien, Brasilien, Rumänien, Bulgarien, Israel, Malaysia, Indien, Frankreich, Portugal. Meine Mutter reist nach wie vor leidenschaftlich gern, und kein Abenteuer bleibt ihr erspart. Auch damals nicht, als Alleinerziehende mit zwei Kindern.

Da mein Vater bei Swissair arbeitete, konnten wir mehrmals jährlich umsonst oder stark vergünstigt fliegen – überallhin. Die Reiseziele waren immer gut ausgewählt und organisiert: dort, wo meine Mama eben noch nicht war und immer schon hinwollte. Sie schleppte uns in jedes Museum und in jede Synagoge und scheute sich nie, mit den Einheimischen in Kontakt zu treten.

Ich erinnere mich noch daran, wie sie uns in Portugal die Geschichte der Inquisition erzählte und wir kurz darauf bei einer Familie, die von Anusim abstammte – Juden, die gegen ihren Willen gezwungen worden waren, ihr Judentum zu verlassen – zu Kabbalat Schabbat eingeladen wurden. Von dort aus reisten wir in ein Fischerdorf namens Nazaré. Dort gab es keine Juden und keine Anusim, dafür jeden Abend um sieben Uhr einen Stromausfall. Wir waren im Schnitt dreimal jährlich verreist, doch ein Nachbarland wurde gemieden – Deutschland war No-go-Area.

oma Ich bin mit meiner Mutter, meinem Bruder und meinem Großvater mütterlicherseits in den 80er-Jahren in der Schweiz aufgewachsen. Keiner von ihnen mochte die Deutschen. Doch das war mir egal. Nach Bremen kam ich um 2000, da ich mich entschlossen hatte, gemeinsam mit meiner damaligen Band aus Luzern wegzuziehen. Ich war damals Sängerin einer Frauen-Punkband.

Schon mit 17 habe ich ein Fanzine herausgegeben und verkauft, später ist daraus ein kleiner Magazin- und Kassettenvertrieb entstanden. Unsere Platte wurde in Deutschland auf einem der größeren Do-it-yourself-Labels veröffentlicht und in den USA zweimal neu aufgelegt. Wir kamen viel herum und hatten fast jedes Wochenende Auftritte, unter anderem auch in Aberdeen und Warschau. Uns war bekannt, dass es in Bremen eine interessante Underground-Szene gibt. Dort wollten wir hin. Tja, und heute bin ich komischerweise noch immer hier.

Die Frauen in unserer Familie waren immer sehr selbstständig und voller Tatendrang. Meine Großmutter mütterlicherseits, die ich nie kennengelernt hatte, kochte in Rumänien Suppe, während draußen die Bomben fielen und ihre Tochter mit meinem Opa im Bunker saß. Mit einem Topf Suppe ist sie dann zum jüdischen Krankenhaus gerannt. So zumindest lautet die immer wieder zu hörende Familienerzählung. Leider starb meine Oma schon vor meiner Zeit. Uns verbindet jedoch ein Name, derselbe Geburtstag und ein sturer Kopf.

ohrfeige »Man lässt sich nicht auf den Kopf kacken«, sagte meine Oma schon zu meiner Mutter – und sie dann zu mir. Als Kind gab es immer wieder Stress mit antisemitischen Vorfällen. Wir wohnten in Seebach, ein Vorortquartier von Zürich.

Einmal war es eine Stinkbombe, die in unsere Wohnung geworfen wurde, ein anderes Mal ohrfeigte mich die katholische Religionslehrerin – zur Vergebung ihrer Sünden, erklärte sie. Später versuchte sie es regelmäßig mit lokalem Weihwasser. Gott muss sie bestraft haben: Sie wohnt, soweit ich weiß, noch immer in Seebach und badet ihre Finger. Während ich schon in allen Ozeanen schwimmen war.

In meiner Studienzeit an der Hochschule für Künste Bremen kam ich zum ersten Mal mit dem realen Ort Bergen-Belsen in Berührung. Als ich beim Trampen von Zürich nach Bremen an einem Wegweiser zur Gedenkstätte vorbeifuhr, wurde mir bewusst: Genau hier an dieser Stelle waren mein Vater, mein Onkel und meine Großmutter aufgrund des Kasztner-Transports im KZ inhaftiert. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich zuvor immer dachte, der Ort läge in Bayern. In meiner Diplomarbeit setzte ich mich dann mit den untereinander verstrickten, von Zürich über Bergen-Belsen nach Bremen führenden Erinnerungssträngen auseinander.

unterwelt Wie in fast jeder europäisch-jüdischen Familie war auch bei uns immer wieder die Schoa Thema. Nie begegnete Familienangehörige tauchten regelmäßig in Erzählungen auf. Sie hinterließen zwar Lücken, doch die Geschichten machten sie lebendig. Meine Mutter emigrierte in den 50er-Jahren nach Haifa, wo sie 20 Jahre lang wohnte und auch meinen Vater kennenlernte. Aufgewachsen war sie in Rumänien, wo sie das Iasi-Pogrom überlebte, bei dem meine beiden Urgroßväter ermordet wurden.

Biografien, Gedenken, Erinnern und Vergessen sind Themen, zu denen ich künstlerisch viel arbeite. Schon lange hatten mich die Geschichte des jüdischen Widerstands während der Schoa und die jüdische Beteiligung an der Spanischen Revolution fasziniert.

Heute arbeite ich unter anderem zum jüdischen Frauenhandel im 19. und 20. Jahrhundert. Dabei versuche ich, biografische Spuren von gemeinhin vergessenen Menschen einzufangen. Ich beschäftige mich etwa mit der jungen Emigrantin Raquel Liberman, die in Buenos Aires dazu beitrug, den weltweit agierenden Zuhälterring Zwi Migdal zu zerschlagen. Oder mit Bertha Pappenheim, die viele vielleicht nur als Joseph Breuers »Fräulein Anna O.« kennen, die sich aber in ihrer Frankfurter Zeit stark gegen Zwangsprostitution engagiert hat.

Das von mir ins Leben gerufene Projekt »Tracking the Traffic« setzt sich mit der jüdischen Unterwelt und dem Kampf gegen den Frauenhandel auseinander und erzählt dies aus einer Frauenperspektive.

Gastfreundschaft Durch meine Projekte komme ich viel in anderen Städten und Ländern herum. Mit einem DAAD-Stipendium etwa war ich neun Monate unterwegs – auf der Suche nach Geschichten von Frauen, die Zwi Migdal verschleppt hatte – und habe jüdische Friedhöfe und Gemeinden von New York, Buenos Aires, São Paulo und Rio de Janeiro bis Mumbai, Kerala, Hongkong, Shanghai, Kapstadt und Johannesburg besucht.

Ich bin immer herzlich aufgenommen worden, und weltweit haben sich die Kontaktpersonen gerne bereit erklärt, bei der Recherche zu helfen. In Mumbai war ich bei den Beni Israel sogar zu zwei Hochzeiten eingeladen, und in Buenos Aires saß ich vor zwei Jahren an Rosch Haschana in einer marokkanischen Synagoge.

Mein Schtetl Bremen ist zu meiner Homebase geworden. Hier konnte ich mein Jiddisch verbessern. Eine Form davon haben wir zwar schon bei uns zu Hause gesprochen, doch ich wollte die Sprache, die geografisch an vielen Orten zu Hause ist, aber kein Land hat, auch beherrschen. Deshalb versuchte ich vor einigen Jahren gemeinsam mit einem Freund, die Jüdische Gemeinde in Bremen davon zu überzeugen, einen entsprechenden Kurs zu fördern. Dank ihrer Unterstützung gründeten wir den »Feygele Club«, wo wir alle paar Monate ein gern besuchtes Kulturprogramm anboten. Mit dem Tod unserer Lehrerin Dorothea Greve ist leider auch der Jiddish Club von uns gegangen. Sie lehrte uns nicht nur die Sprache, sondern auch Lieder und Literatur.

CharediM Zu Hause waren wir früher mal koscher und später dann Vegetarier. Wir Kinder besuchten damals oft die jüdische Gemeinde und alle in Zürich vorhandenen Jugendbünde von Hashomer Hatzair bis Bnei Akiva. Der Höhepunkt meiner Neugierde war ein dreiwöchiges Sommerferienlager in der Schweizer Bergen mit den Mädchen von Agudas Achim, einer Schweizer Charedim-Variante. Eine Freundin hatte mich zur Teilnahme überzeugen können. In unseren Nylonstrumpfhosen, knöchelverdeckenden Röcken und über die Ellbogen gehenden Hemdchen schwitzten wir immens. Damals habe ich wohl verstanden, weshalb Männer jeden Morgen beim Tefillin-Legen Gott danken, keine Frau zu sein.

Wenn man mir bei Flügen nach Israel immer wieder versehentlich »Viel Spaß in der Heimat« wünscht, wird mir klar, wie schwer es vielen Europäern fällt, Juden in ihren jeweiligen Ländern zu akzeptieren.

Dank eines schiefgelaufenen Deals zwischen Himmler, Kasztner und dem Schweizer Roten Kreuz bin ich zwar in Besitz eines Schweizer Passes. Doch »Heimat« ist und bleibt für mich trotz allem ein Konstrukt von außen. Wenn ich etwas bin, dann »heymish« – ein Gefühl, das Zu-Hause-Sein für mich wohl am besten beschreibt. Und dieses Gefühl muss nicht unbedingt geografisch verortbar sein.

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