Russland

Vom TV-Studio in den Kreml

Xenia Sobtschak hat jüdische Wurzeln und möchte bei den Präsidentschaftswahlen gegen Putin antreten

02.11.2017 – von Jutta SommerbauerJutta Sommerbauer

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Vergangene Woche lud Xenia Sobtschak ins »Elektrotheater Stanislawskij« im Zentrum Moskaus, um alle Fragen rund um ihre Präsidentschaftskandidatur zu beantworten. Diese hatte sie am 18. Oktober bekannt gegeben – genau fünf Monate vor der Wahl, die für den März 2018 anvisiert ist.

Und natürlich kam aus dem Publikum auch die eine Frage, ob sie den amtierenden Präsidenten Wladimir Putin wirklich um Erlaubnis gefragt hat, wie in Medienberichten kolportiert wurde. Die bekannte Fernsehmoderatorin im zurückhaltenden grauen Businesskostüm antwortete pflicht- und selbstbewusst, sie sei ein »unabhängiger Mensch« und habe Putin persönlich von ihrem Vorhaben informiert, als sie ihn kürzlich zu einem Interviewtermin traf.

»Um Erlaubnis habe ich ihn nicht gebeten«, sagte die Tochter von Anatolij Sobtschak. Der war zu Beginn der 90er-Jahre der erste demokratisch gewählte Bürgermeister von St. Petersburg und ein früher Förderer des jetzigen Präsidenten. Im Jahr 2000 starb er an einem Herzinfarkt.

Jelzin Skeptiker, die meinen, dass eine Kandidatur der 35-Jährigen ohne Gutheißen des Kreml nicht möglich sei, wird Sobtschaks Antwort nicht zufriedenstellen. Jedenfalls aber wird ihr Wahlkampf, die Themen und das Team, das unter der Leitung des früheren Jelzin-Vertrauten Igor Malaschenko operiert, die liberale Gesellschaft für die kommenden Monate beschäftigen. Was dem Kreml wiederum nicht unrecht sein dürfte – denn mit Sobtschaks Kandidatur bekommt das im Vorfeld so gut wie entschiedene Rennen ein wenig Glamour und Spannung.

Xenia Sobtschak ist eine widersprüchliche Figur der russischen Gegenwart. Als Tochter eines prominenten Politikerpaares – ihre Mutter sitzt als Abgeordnete im Föderationsrat – ist sie Teil der russischen Elite. Lange Zeit präsentierte sich Sobtschak als unpolitisches It-Girl, das sich vor allem für Designermode interessierte. Berühmt wurde sie in den frühen Nullerjahren als Moderatorin der TV-Reality-Show Dom-2. Doch während der Protestwelle 2011/12 schlug sie sich überraschend auf die Seite der Opposition. Zunächst wurde sie bei Demonstrationen ausgebuht, doch als die Behörden ihr Haus durchsuchten, stieg ihre Glaubwürdigkeit.

Sobtschak, die den Pelzmantel ab- und sich ein Hipster-Outfit zugelegt hat, moderiert bis heute eine Show im Internet-Fernsehkanal »Doschd«, der beim städtischen Publikum sehr beliebt ist.

Kontroverse Mit ihrer Mutter Ljudmila Narusowa, der systemtreuen Abgeordneten, habe sie viele politische Kontroversen auszufechten, sagte sie bei der Präsentation ihrer Kandidatur. Die 66-jährige Narusowa hatte einen jüdischen Vater.

Sobtschak hat mehrmals öffentlich bekräftigt, dass sie sich durch ihren Großvater dem Judentum kulturell verbunden fühlt. Auch antisemitische Angriffe habe sie persönlich erleben müssen, sagte sie vor mehreren Jahren bei einer Lesung in einer Synagoge. Allerdings seien diese vor allem gegen ihren Vater gerichtet gewesen – obwohl er gar keine jüdischen, sondern polnische Vorfahren hat. Sobtschak ist mit dem Schauspieler Maxim Witorgan verheiratet und hat einen Sohn im Kleinkindalter namens Platon.

Im kommenden Wahlkampf positioniert sie sich vorrangig als Sammlerin von Proteststimmen – davon zeugt auch ihr eingängiger Slogan »Gegen alle«, der auf eine abgeschaffte Option auf russischen Stimmzetteln anspielt. »Ich will diejenigen vertreten, die gegen das System sind«, erklärte Sobtschak. Was sie konkret in Russland verändern möchte, blieb sie bislang schuldig. Das sollen Experten und Unterstützer in den kommenden Wochen an Runden Tischen ausarbeiten.

Allerdings hat Sobtschak ihre Stimme für die Freilassung von politischen Gefangenen in Russland erhoben und nannte etwa den Bruder von Oppositionsaktivist Alexej Nawalny, Oleg, und den von der Krim stammenden, ukrainischen Regisseur Oleg Senzow. Aufhorchen ließ auch ihre Aussage, dass die von Moskau annektierte Krim »ukrainisch« sei und Russland mit der Annexion internationales Recht gebrochen habe. Im heutigen Russland zählt das schon als Provokation.

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