Marburg

»Unsere Hand ist ausgestreckt«

Tag der Begegnung zum 700-jährigen Jubiläum der Jüdischen Gemeinde

11.10.2017 – von Gesa CoordesGesa Coordes

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Die katholischen Pfadfinder, die der Jüdischen Gemeinde Marburg bei ihrem »Tag der Begegnung« helfen, stanzen mit Begeisterung Buttons und Flaschenöffner. Was die hebräischen Schriftzeichen bedeuten, die auf den Öffnern stehen, finden die 13-Jährigen allerdings erst nach längerem Blättern in den Infobroschüren heraus: »Es heißt Schalom«, erklären sie den ebenso unkundigen Gästen.

Fragen zu stellen – auch solche, die man »schon immer einem Juden stellen wollte« –, ist ein Ziel des Tages der Begegnung, zu dem die Jüdische Gemeinde anlässlich ihres 700-jährigen Jubiläums einen Tag vor dem Tag der deutschen Einheit einlud. »Es gibt immer Hemmschwellen«, sagt die stellvertretende Vorsitzende der Gemeinde, Monika Bunk. »Wir wollten eine Möglichkeit zu ungezwungenem Kennenlernen schaffen, ohne dass die Besucher gleich in die Synagoge gehen.«

Und damit locken sie Hunderte von Marburgern in die Stadthalle. Die Kinder probieren den traditionellen Chanukka-Dreidel aus und versuchen, Moses in Form einer roten Kugel den Berg Sinai hinaufklettern zu lassen. Sie beantworten knifflige Quizfragen zu koscherem Essen und schreiben ihre Namen auf Hebräisch.

Fragen Unterdessen kommen die Erwachsenen bei Burekas, israelischem Salat, Hamantaschen und Baba Ghanoush ins Gespräch. Warum gibt es keinen Rabbiner in Marburg? Zu teuer für die relativ kleine jüdische Gemeinde, lautet die Antwort. »Tragen Sie immer Kippa?« »Manchmal möchte man einfach normal sein und nicht immer angesprochen und angeguckt werden«, entgegnet Daniel Neumann, Direktor des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen. Und vor allem am Frankfurter Bahnhof könne es auch sinnvoll sein, eine Mütze über die Kippa zu ziehen: »Ich kenne kaum jemanden, der nicht schon schlechte Erfahrungen gemacht hat«, sagt er.

Regelmäßige Gäste der Gemeinde wie Ordensschwester Edith und der Vorsitzende der Muslimischen Gemeinde, Bilal El-Zayat, sind selbstverständlich auch an diesem Tag dabei. »In dieser Zeit geht es darum, die Gemeinsamkeiten zu sehen und hervorzuheben«, sagt der Muslim, den eine lange Freundschaft mit der jüdischen Gemeinde verbindet: »Es gibt viele Parallelen zwischen Juden und Muslimen.« Er erinnert daran, dass sie vor 700 Jahren gemeinsam friedlich in Andalusien zusammenlebten. Mit 700 Datteln aus Medina gratuliert er der Gemeinde.

Kontakte Es kommen aber auch zahlreiche Besucher, die noch nie in der Synagoge waren. »Viel Gemüse, tolle Gewürze«, schwärmt ein Unternehmer, der sich durch das Fingerfood durchprobiert. »Ob es koscher ist, schmecke ich aber nicht heraus«, ergänzt er lächelnd. In Zukunft kann er die Gerichte nachkochen – die Gemeinde hat kleine Rezepthefte ausgelegt. Währenddessen lädt die Schachgruppe zum Mitspielen ein. In anderen Räumen wird getanzt und gesungen.

»Ich dachte, dass der Schabbat strenger geregelt sei«, sagt eine Protestantin, die gerade eine Einführung in den Schabbat gehört hat. Thorsten Schmermund, der für die Sonntagsschule verantwortlich ist, hat das jüdische Religionsgesetz, die Halacha, die Zeremonien und den Geist des Schabbats erklärt. Und natürlich auch die Fragen nach Fußball spielenden Kindern am Samstag und Feuerwehrleuten im Dienst beantwortet.

Nicht immer war jüdisches Leben so in der Stadt willkommen. »Unsere Hand bleibt immer ausgestreckt«, sagt der 87 Jahre alte Gemeindevorsitzende Amnon Orbach, der die Gemeinde in den vergangenen 35 Jahren aufgebaut hat. Ohne ihn wäre die 700-Jahr-Feier in dieser Form wohl kaum möglich gewesen. Denn als der in Jerusalem geborene Ingenieur 1982 nach Deutschland kam, weil er sich in eine Lehrerin aus Marburg verliebt hatte, gab es hier »keinen Krümel von Judentum«. Heute hat die Gemeinde 328 Mitglieder.

Lebensprojekt Dabei erzählen viele Zeugnisse von einem jüdischen Leben in der Stadt. Die Überreste der mittelalterlichen Synagoge am Marktplatz sind mit einem Glaskubus überdacht. An die prächtige Synagoge im romanisch-byzantinischen Stil, die in der Pogromnacht 1938 in Flammen aufging, erinnert der »Garten des Gedenkens«. Er ist inzwischen zu einem lebendigen Treffpunkt geworden. Orbachs Lebensprojekt ist jedoch die 2005 eröffnete neue Synagoge im Marburger Südviertel, durch die er jedes Jahr Hunderte von Schülern führt. »Wir suchen den fruchtbaren Dialog, um Hass und Vorurteilen keinen Raum zu geben«, sagt er in seiner Begrüßungsrede.

Tatsächlich stehen Diskussionen und Gesprächsrunden im Mittelpunkt des »Tages der Begegnung«. Besonders intensiv ist die Debatte um Antisemitismus. Monika Bunk ist froh darüber, dass dies »kein Alltagsproblem« in Marburg ist: »Wir kriegen keine Drohbriefe«, sagt sie. Eher gebe es unterschwellige Vorurteile, etwa wenn ihr gesagt werde, dass sie überhaupt nicht aussehe wie eine Jüdin.

Sicherheit Anders ist die Situation in Städten wie Frankfurt, berichtet Daniel Neumann vom Landesverband Hessen. Nach dem Gaza-Krieg 2014 wurden die Sicherheitskräfte, die jüdische Einrichtungen schützen, mit automatischen Waffen ausgerüstet. In dieser Phase sei eine unheilige Allianz zwischen muslimischen Gruppen und Rechten entstanden, die gegen Juden Stimmung machten. Und dass Kinder, die in die Synagoge oder die Schule gehen, von der Polizei geschützt werden müssten, sei »sicherlich nicht normal«.

Immer noch ist die Jüdische Gemeinde vom Wahlsieg der AfD schockiert. »Der 24. September war ein schwarzer Tag in der Geschichte Deutschlands«, sagt Neumann. Trotzdem ist er persönlich der Meinung, dass die AfD »keine Nazipartei« ist. Sie sei aber auch weder willens noch in der Lage, gegen rechtsradikale Ansichten vorzugehen. »Und das macht sie gefährlich«, sagt Neumann. Dass man ihre Vertreter überzeugen könne, glaubt er nicht. Und dass es vereinzelt jüdische AfD-Mitglieder gibt, hält Monika Bunk für »ein Feigenblatt gegen die nazistischen Anklänge der AfD«.

Marburgs Oberbürgermeister Thomas Spies erinnert an die lange Geschichte der Marburger Juden, deren Gemeinde in ihrer Blütezeit Anfang des 20. Jahrhunderts mehr als 500 Mitglieder hatte. Er betont aber auch das »lebendige und bunte Judentum, das heute in Marburg existiert«. Und Daniel Neumann ergänzt: »Was uns unterschiedlich macht, ist das, was uns ausmacht.« Das Zitat stamme übrigens von Winnie Puuh, dem Bären.

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